La Bohème / Baden-Baden (12.11.2017)

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  • November 12, 2017

Eine “Bohème” in der “Vor-Vorweihnachtszeit” sollte eine sicher Bank für ein Opernhaus sein. Dennoch verkaufte sich diese Produktion schon vor der Premiere so mau, dass bereits zwei Wochen vorab zahlreiche Gäste ein kostenloses Upgrade erhielten. Das war es dann aber auch schon, was es über diese “Bohème” zu berichten gibt. Selten hat man dieses Werk derart disparat dargeboten bekommen.

Da gibt es zum einen die Regie von Philipp Himmelmann, der die Handlung nach Mütterchen Russland verlegt. So wird Parpignol (Sergey Vlasov) als humpelnder Weltkriegsveteran der Roten Armee gesehen, der zweite Akt spielt bar jedes Pariser Flairs in einer merkwürdigen Eiswüste. Schneien tut es den ganzen Abend sowieso unentwegt. Das ist alles verschmerzbar, aber die Feinzeichnung der Charaktere, Schlüsselmomente der Handlung wie zum Beispiel ob Mimi die Kerze nun absichtlich ausbläst oder sie erlischt, bleiben im Dunklen – wenn die Regie ausgerechnet diese Szene direkt unter einer gut funktionierenden Deckenlampe abspielen lässt. Die Mansarde des studentischen Quartetts lässt sich zwar eindrucksvoll rauf und runter fahren, aber eine intensivere Personenregie wäre mir, ehrlich gesagt, lieber gewesen. Da ist doch zu viel Routine zu sehen.

Zum zweiten gibt es ein überaus eigensinniges Dirigat von Teodor Currentzis und seinem musicAeterna. Currentzis vermeidet die diesem Stück inhärente Gefahr der Kitschinflation, denkt es auch bei heiteren Szenen immer auch leicht bedrohlich in den tiefen Stimmen vom Ende her und bringt hier und da ungewohnte Pointierungen zu Ohr. Leider zieht Currentzis vor allem die Szenen mit Mimi und Rodolfo  derart in die Länge, dass es den jungen Sängern oftmals an Kraft und Luft fehlt. Natürlich nutzen sie die Zeit für theoretisch berührende Crescendi und Decresdendi, allerdings nutzt das wenig wenn die Stimmen zunehmend ausdünnen. Eine Mimi sollte meines Erachtens einfach nicht wie eine Lucia, die kurze Mantelarie des Colline (Nahuel di Pierro) nicht wie ein bleischwerer Marke-Monolog klingen. Die Mehrheit des Publikums sah dies anders als ich und jubelte Currentzis zu.

Und zum dritten gab es junge Sänger, die sich redlich mühten und ihr Bestes gaben . Allerdings waren meine letzten Besetzungen in Karlsruhe oder Stuttgart besser. Sofia Fomina trällert eine ordentliche Musetta, Konstantin Suchkov gibt einen kernigen Marcello. Leonardo Capalbo sieht blendend aus, singt mit einnehmender Mittellage, aber Höhenproblemen (kein hohes c am Ende des ersten Aktes). Zarina Abaevas Mimi klingt mir zu arg nach Musetta, aber auch hier ist stimmlich erst mal wenig auszusetzen. Es ist aber keine Leistung zu vernehmen, die mich irgendwie beeindruckt oder gar gerührt hätte. Und das ist für eine “Bohème” dann doch zu wenig.

Bleibt zum Abschluss die Frage am Rande: wurde die “Mauer” zwischen Graben und erster Reihe eigentlich nur entfernt, um Currentzis eine größere Bühne zu bieten ?

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