Manon / Wiesbaden (9.11.2017)

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  • November 10, 2017

“Manon” ohne “Lescaut” im Titel – also Massenet statt Puccini. (Nebenbei: Wie viele Geschichten gibt es eigentlich, von denen sich mehr als eine Vertonung fest im Repertoirebetrieb behaupten konnte oder kann ?) Meine erste Begegnung mit der zehn Jahre älteren Oper war musikalisch so erfreulich wie szenisch fade.

Ob der gebuchte Regisseur die richtige Wahl für dieses Stück war ? Bernd Mottl hat sich in erster Linie durch gelungene Umsetzungen von heiteren Werken einen Namen gemacht und mit Freude denke ich an seine “Candide” an gleicher Stelle oder seinen “Vetter aus Dingsda” in Karlsruhe zurück. Nun atmet Massenets Partitur nicht den veristischen Weltschmerz von Puccini, hat auch einige amüsante Momente, aber unterm Strich bleibt es doch eine relativ tragische Geschichte. Mottl lässt diese einst als moralpädagogische Erbauung konstruierte Handlung in den Swinging Sixties spielen, was durchaus passt, waren diese ja eine Gegenreaktion auf die biedere britishness der Nachkriegszeit. Nur warum ist Manon dann ähnlich fesch-bunt wie all die anderen Choristen gekleidet (Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert) ? Der Lebenshunger, die Vergnügungssucht ihres Charakters, ihr Ausbruchsversuch aus der erzwungenen gesellschaftlichen Enge wird somit nicht wirklich sichtbar, zumal ihr Cousin ebenfalls im Rockeroutfit posiert. Im zweiten Akt besingt Manon dann zu ihrem Abschied vom ziemlich mittellosen Leben den “petit table” in der Mansarde – allerdings auf dem Bett sitzend, ohne dass der Tisch eine Bedeutung, nicht einmal durch Blickkontakt, spielt. Merkwürdig und total verschenkt. Im dritten Akt erscheint sie dann in einem pink-weißen Pop-Rokokokostüm. Auch hier wird ihr “Seitenwechsel” nicht wirklich erkennbar, zumal der Graf Des Grieux (also der Herr Papa vom Chevalier) im ziemlich heutigen Anzug erscheint. Und so zieht die Handlung zwar stets nachvollziehbar, aber unbeteiligt am spärlich besetzten Auditorium des Hessischen Staatstheaters  vorbei. Mottl – und das möchte ich nicht verschweigen – kann den Chor wirklich gut führen und hat ein Gespür für die der Partitur inhärente Rhythmik. Die choreographischen Einlagen (Myriam Lifka) haben somit immer für erfreuliche Abwechslung gesorgt.

Nun denn. Musikalisch gab es hingegen Grund zur Freude, auch wenn das gesungene Französisch bar jeder Nasale war. Gibt es denn vor Ort keinen Sprachcoach ? Ansonsten bezauberte vor allem die junge Cristina Pasaroiu mit warmer Mittellage und flexiblen Höhen – kein Wunder, dass die Männer ihr reihenweise verfallen, kann sie doch die Wankelmütigkeit wie erotische Wärme gleichermaßen zum ausdruck bringen. Landsmann Ioan Hotea hat ein angenehmes Timbre fürs französische Fach, es käme allerdings noch besser zur Geltung, sparte er sich die italienischen Schluchzer. Die hat Massenet, Des Grieux und er nämlich gar nicht nötig. Als sympathischer Lescaut war Christopher Bolduc eine ebenso solide Wahl wie Florian Kontschak als Graf Des Grieux. Das Hessische Staatsorchester stand unter der Leitung von Jochen Rieder, der keinen besonders französischen Klangzauber produzieren vermochte, aber ein grundehrliches, fehlerfreies Dirigat ablieferte, was in Wiesbaden ja auch keine Selbstverständlichkeit darstellt.

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