Don Carlos / Paris (5.11.2017)

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  • November 6, 2017

Manchmal sind es Züge, die einem den sprichwörtlichen Strich durch die Rechnung machen können. Als Verdi vor 150 die Uraufführung seines umfangreichsten Werkes in der Musikstadt Europas schlechthin in Angriff nahem, führten die Zugfahrpläne zu kurzfristigen Kürzungen – die Besucher wären sonst schlicht und ergreifend nicht mehr nach Hause gekommen. Heutzutage fährt man 150 Minuten von Karlsruhe nach Paris und kann somit tatsächlich im Rahmen eines Tagestrips das erleben, was vielen Parisern einst fast verwehrt blieb.

Gewiss, auch in der aktuellen Inszenierung gibt es Striche, aber mit 220 Minuten reiner Spielzeit kann man einen fünfaktigen “Don Carlos” hören, der sich abhebt von den späteren italienischen Fassungen und einen ganze eignen “Sound” entwickelt. Ein Sound, der dem Werk gut tut – denn hier hört man nie das Klischee des “Humptata”-Verdis, sondern eine sehr galante Partitur mit Esprit. Dass dies kein italienisches Dirigat wurde verdankten die Zuhörer dem zu Recht gefeierten Leiter der Opéra Paris, Philippe Jordan. Die Hörner zu Beginn des zweiten Aktes, die im Italienischen fast schon wie die Einleitung zum dritten Akt der “Tosca” unheilkündend klingen, haben hier etwas Bittersüßes. Wo das Cello vor der großen Arie des Philippe sonst regelrecht demonstrativ schmachtet, Erinnerungen an Kaffeehausgeiger weckend, tönt es hier resignierend, fast schon beiläufig. Jordan wurde beim Schlussapplaus auch von den anderen Künstlern inklusiv des bestens disponierten Chores mit viel Wertschätzung bedacht – die Staatsoper Wien scheint einen Glücksgriff gemacht zu haben.

Das Bühnenbild erinnert angesichts der riesigen holzvertäfelten Wände an eine Marthaler-Produktion – Regie führte jedoch Krzysztof  Warlikowski. Es braucht Zeit, bis die Aufführung in die Gänge kommt. Gerade in Akt I  war da aus meiner Sicht unerwartet viel Spannungsarmut, was sich aber in Akt II mit einem interessante choreographierten Fechtballett änderte. Nach dem merkwürdig antiklimaktischen Autodafé bestachen Akt IV und V dann durch eine dramatische Dichte, die sich in vielen Kleinigkeiten offenbarte. Die mauligen Kommentare, die ich in den Pausen aufschnappen konnte, fand ich nicht gerechtfertigt. Kein Ikonoklasmus, keine Referenz. Mit den bürgerlichen Kostümen gewiss nicht historisierend, aber das muss ich nicht haben, solange die Charaktere glaubwürdig waren – und das waren sie.

Dmitry Belosselskiys Inquisitor liefert sich mit Ildar Abdrazakov als König Philippe ein packendes Bassduell um die Vorherrschaft. Abdrazakov wirkt nicht besonders blaublütig, eher wie ein Mafioso, dem im “Elle ne m’maime pas” weniger vom Selbstmitleid getrieben wird, sondern dem bewusst wird, nicht über jeden Macht zu besitzen. Seinen Sohnemann und Titelpartie sang im ersten Durchlauf noch Jonas Kaufmann, Pacel Cernoch hatte jedoch übernommen. Für seinen deutlich helleren Tenor ist diese Partie noch eine Grenzerfahrung, aber er verkörpert diesen gepeinigten Infanten überaus glaubwürdig und weit jugendlicherer Attitüde als ich es bei Kaufmann (London, 2013 ?) erleben konnte. Keiner der vorherigen Herren hatte beim Publikum einen derartigen Stein im Brett wie Ludovic Tezier. Als einziger Muttersprachler – und ja, das war der Wermutstropfen bei allen anderen – klang das um einiges idiomatischer. Sein Bariton strömt frei, beginnt szenisch jedoch etwas zurückhaltend, was ja zum Charakter des sich am Hof erst orientieren müssenden Freiheitskämpfer passt, wird dann aber immer präsenter und liefert sich mit Cernoch ein packendes kleines vorab-Finale im Kerker. Bei den Damen gab Ekaterina Gubanova eine resolute Eboli, die in der Schleierarie zwar einmal kurz schwächelte, beim “don fatal” aber eine wahre tour de force ablieferte. Die mir bisher unbekannte Hibla Gerzmava bezauberte als Eliabeth mit einem im Piano cremigen, im Forte ausdrucksstarken, dabei nie gefährdeten Sopran – für mich die Entdeckung des Abends. Abgesehen vom Werk selbst natürlich.

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