Leonore / Baden-Baden (3.11.2017)

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  • November 4, 2017

Erstfassungen üben immer einen besonderen Reiz aus, hört man doch meistens ungeglätteten Sturm und Drang statt milder Altersweisheit der Spätfassungen. Gewiss, oft wackelt es noch ein wenig im Getriebe, gar unfertig mögen sie erscheinen, so dass man ihnen lange Zeit den Vorzug gab – in Zeiten historisch informierter Aufführungspraxis sind die Erstfassungen jedoch spannender Schlüssel zum Verständnis beim Vordringen zum “Kern” des Werkes – das Theater an der Wien zeigt dieses Jahr gar parallel zum “Fidelio” dessen Frühfassung, die “Leonore”. 

In Baden-Baden wagte sich René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester an das Unterfangen und  legte ein überzeugendes Plädoyer für die “Leonore” ab. Jacobs dirigiert nicht einmal besonders revolutionär, fast schon gemütlich schlägt er den Takt an. Diese anfängliche Ruhe überträgt sich auf das musizierende und singende Ensemble, das bei der  halbszenischen Darbietung zwischen den Instrumentengruppen auf- und ablaufen muss und ausnahmslos überzeugende Rollenporträts abliefert: Tareq Namezi als imposanter Don Fernando, Robin Johannsen als federleichte Marzelline, Johannes Chum als spieltenoraler Jacquino oder Dimitry Ivashchenko als ungewohnt jugendlicher Rocco. Ein erfreuliches Wiederhören gab es mit dem ehemaligen Mannheimer Maximilian Schmitt als wieder genesenem Florestan. (In Athen musste er vor ein paar Tagen krankheitshalber aussetzen.) Der klare, helle, gut fokussierte Tenor macht erneut Lust auf weitere Begegnungen. Besonders beeindruckt hat mich Johannes Weissers Don Pizarro – die unangenehmen Sprünge in der Tonhöhe und der Dynamik meistert er fulminant, so dass sein “Ha, welch ein Augenblick” eine wahre tour de force wird. Unbestrittener Publikumsliebling – und das vollkommen zu Recht – war Marlis Petersen in der Titelpartie. Mit welcher scheinbaren Leichtigkeit sie die im Vergleich zur Spätfassung noch vertrackteren Koloraturen, die noch höher liegenden Phrasen ohne Abstürze meistert, das ist schon ganz großes Kino.

Und so ist das endlose “Oh namenlose Freude” kurz vor Schluss auch wirklich eine Apotheose der Gattenliebe, ganz ohne utopisch-metaphysischen Überbau anstatt zweier Wagnersänger, die nur irgendwie “durchkommen” möchten. Vielleicht klingt das “Gott, welch Dunkel hier” auch weit nihilistischer als im “Fidelio” und vielleicht nervt auch deshalb der spielopernartige Tonfall zu Beginn weit weniger, berührt der Gefangenenchor (exzellent: die Zürcher Sing-Akademie) umso mehr als sonst. Jacobs und sein Orchester spielen auf der bildlichen Klaviatur der Menschlichkeit des Individualismus statt der des politischen Ideendramas und ermöglichen durch einzelne Soli einen echten Austausch zwischen Sängern und Musikern – fast schon wie bei einzelnen Händel-Arien mit obligatem Soloinstrument.

 

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