Le nozze di Figaro / München (31.10.2017)

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  • November 1, 2017

So, das war sie also, die Neuinszenierung des “Figaro”. War sie wirklich nötig ? Eher nein. War sie dennoch sinnvoll ? Ja – aber aus anderen Gründen als erwartet.

Denn Christof Loy ist Theatermann durch und durch um zu wissen, dass ein “Figaro” jahrzehntelang im Repertoire gespielt werden sollte und somit Experimente absurder Art (wie beim Heidelberger “Don Giovanni”) sich a priori verbieten. Loy erzählt die Geschichte auch ganz mätzchenfrei, verzichtet bis auf ein paar wenige Momente (als der Graf im zweiten Akt mit drei Handwerkerkästen zur Öffnung des Kabinetts erscheint) fast schon demonstrativ auf Humor. Das ist bei den manchmal fast schon überdreht anmutenden Versteckszenen im ersten Akt durchaus sinnvoll und angesichts der sexuellen Nötigung durch den Grafen angebracht. Gleichwohl verzichtet Loy aber auf eine politische Deutung – die Ständegesellschaft ist hier aufgehoben, sie ist optisch weder anhand von Bühne noch Kostümen erkennbar – allenfalls das Auftrittskostüm Cherubinos atmet so etwas wie historischen Zeitgeist. Das nimmt dem im Vergleich zu Beaumarchais eh geglätteten Libretto unnötig die Sprengkraft, auch wenn der Jubelchor im ersten Akt den Grafen mit Blumen fast schon aggressiv bewirft, nachdem diesem sein geschicktes Ausweichmanöver hinsichtlich der Bestätigung der Aussetzung des ius primae noctis geglückt ist. Im vierten Akt konnte ich dann der Peronenführung nicht mehr richtig folgen – Cherubino war immer noch im Frauenkostüm bei voller Beleuchtung zu sehen und auch sonst irren die Charaktere eher ziellos über die Bühne. Das Rahmenkonzept, dass den Charakteren die Sache allmählich über den Kopf wächst, die Umwelt immer größer wird, das macht das Bühnenbild deutlich, welches sich von Akt zu Akt stetig vergrößert. Anfangs noch überlebensgroße Menschen im Puppenhaus, später dann  Liliputaner. Kann man machen. Aber was den Abend in szenischer Sicht überzeugend geraten ließ, das war wohl eher die lange Probenzeit. Mozart verlangt eben Timing und fine tuning – dann ist das Regiekonzept fast schon egal. Dieser “Figaro” war also eher ein ungewolltes Plädoyer gegen ungeprobte Repertoireschlamperie als für die Notwendigkeit einer regelmäßigen Neubefragung bekannter Opern, denn bei aller Spielfreude und Kulinarik hat diese Neuinterpretation wenig neues zu bieten.

Viel Neues hört man hingegen aus dem Graben – und auch hier gibt es für mich mehrere Erkenntnisse. Die zentrale: auch in einem großen Haus kann man historisch informierten Mozart spielen ohne dass es irgendwie blutleer klingen muss. Ganz im Gegenteil. Das Dirigat von Constantinos Carydis dürfte zum Eigenwilligsten gehören, das man an einem derart renommieren Haus wie der Bayerischen Staatsoper zu hören bekommen kann. Und wenn dann die Musiker so beherzt wie behände zu folgen vermögen, dann entstehen wie gestern magische Momente, so diskutabel man das gehörte auch finden mag. Und damit ist nicht einmal die mit der unpassenden “Abendempfindung” ersetzte Marcellina-Arie gemeint. Eher schon die Tempi, die phasenweise fast schon hysterisch schnell anmuten, dann wiederum Böhm-artig gedehnt werden. Und vor allem der gekonnte dialogisierende Einsatz von Cembalo und Hammerklavier, später auch der Orgel. Das ergibt einen perlenden Mozartklang, der noch lange nachhallt. Wunderbar. Mal schauen, was nach zehn Jahren Repertoire davon übrig bleibt.

Dass die Besetzung hochpreisig sein würde, das versteht sich in München ja fast von selbst. Und das auch in den kleineren Partien: Manuel Günther darf als Basilio (noch ?) die Eselhaut mit seinem feinen, lyrischem Tenor besingen, auch wenn die Regie ihn ausgerechnet da im Stich lässt. Stelen hat man einen Bartolo derart hasserfüllt gesungen gehört wie bei Paolo Bordogna. Und auch die hörbar gealterte Anne Sofie von Otter nimmt auf ihre ganz eigene Weise für sich ein. “Drittbesetzung” Solenn Lavanant-Linke spielt einen charmanten Cherubino. Auch wenn die Stimme nicht besonders individuell klingt, so interpretiert sie die Partie des hormongeschädigten Jüngling sehr achtbar. Alex Esposito macht in stimmlicher Hinsicht erkennbar, dass hier ein Standesunterschied zu seinem Herren vorliegt – arg raubeinig, sehr prononciert klingen manche Phasen. In seiner Quirligkeit  steht er seiner Verlobten in Nichts nach. Die wird von Olga Kulchynska mit soviel Wärme gesungen, dass es um mich in wenigen Minuten geschehen war – diese Susanna ist wahrlich zum verlieben. Ihre Herrin wurde von Federica Lombardi mit enorm kräftigem Sopran gesungen. Das leicht verschattete Timbre gab ihrer Gräfin eine passende Mischung aus Grandezza und Melancholie, die nicht weniger beeindruckte, auch wenn die Verzierungen beim “Dove sono” etwas gewöhnungsbedürftig waren. Allein diese beiden Damen waren ihr Geld wert. Das kann man bei Christian Gerhaher nicht ganz behaupten: seinem Grafen fehlt das cholerische Element. Überzeugend widerlich in seiner larmoyanten Übergriffigkeit ist er durchaus, bei den Koloraturen im “Hai gia vinta la causa” kommt er doch etwas ins Schleudern, was auch an der Positionierung (stehend auf einem Polstersessel) zu tun gehabt haben könnte.

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2 Comments

  • Hermann says:

    Ich habe mit Interesse Ihre Einschätzung des Münchner “Figaro” gelesen. —— Ich muss allerdings sagen, dass mir das Dirigat von Herrn Carydis ziemlich auf die Nerven ging, aber ich sehe ein, dass das wirklich Geschmackssache ist. Erst nach der Pause gab es für mich so etwas wie Mozart-Glück von Seiten des Orchesters.

    • admin says:

      Ich kann Ihre Sicht nachvollziehen – so ging es mir bei der Radioübertragung auch, so dass ich nach dem ersten Akt einfach ausgeschaltet habe. Live empfand ich das Dirigat dann um Klassen besser.

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