Don Giovanni / Heidelberg (21.10.2017)

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  • October 21, 2017

“La commedia e finita” – so steht es auf dem Vorhang des Aktschluss. Nein, nicht von “I Pagliacci “, sondern am Endes des ersten Aktes von”Don Giovanni”. Wenn spätestens zu diesem Zeitpunkt irgendein Kurt Felix-Nachfolger, meinetwegen sogar Cherno “die Spaßbremse” Jobatey,  auf der Bühne erschienen wäre, über die noch kurz zuvor vom Titelhelden mit Gewehr gehetzte Kinder gerannt waren und nun gar ein Statist mit einem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium steht, und das Publikum darüber aufgeklärt hätte, dass es knapp hundert Minuten im Rahmen einer “Verstehen Sie Spaß”-Sendung kollektiv verarscht worden wäre, dann hätte man ja noch irgendwie Verständnis aufbringen können. So ist die einzige wie schmerzhafte Erkenntnis des Abends:  Regisseur Lorenzo Fioroni kann sogar Mozart kaputt machen. Und das muss man ja auch erst mal hinkriegen.

Auch musikalisch beginnt der Abend holprig: mehrfach eilen einzelne Stimmgruppen dem GMD in der Ouvertüre davon. Dabei fängt der Abend wenigstens in optischer Hinsicht vielversprechend an: eine verschneite Barocktheaterbühne und zeitgenössische-abgetragene Kostüme gaukeln zu Beginn tatsächlich vor, man könnte eine konventionelle, ästhetisch ansprechende Inszenierung erleben. Doch getäuscht: die Regie lässt den ganzen Abend die Sänger marionettenartig über die Bühne hampeln, stampfen, stolpern. Kein einziger von ihnen gewinnt Konturen, sie sind austauschbar wie nichtssagend. Don Giovanni erschnüffelt Donna Elvira – und läuft prompt auf allen Vieren über die Bühne, einen Hund inklusive Blasenentleerung imitierend. Das amouröse Opfer trägt einen Kindersarg, den sie im Lauf der kaum beklatschten Registerarie beerdigt. Warum, das weiß man nicht. Und noch schlimmer: es ist irgendwann egal. Egal, dass den Rezitativen jedes Tempo fehlt. Egal, dass statt eines Erwachsen- ein Kinderchor in Lederhosen (Jungs) und weißen Nachthemden (Mädchen) Verwendung findet, dessen Mitglieder gerne mal kreischen oder furzartige Geräusche produzieren. Egal, dass Don Giovanni sein “La ci darem la mano” in Embryonenhaltung auf dem Boden kauernd singt und am Ende gar einschläft. Oder in der Champagner-Arie eigentlich eher als willkürlich zuckender ADHS-Patient denn  als personifizierter Hedonismus erkennbar ist.  Egal, dass Spannung krampfhaft durch Soundeffekten wie Windgeräusche oder flüsternde “Don Giovanni”-Rufe erzeugt werden soll. Ist es wirklich das, was man sich im Leitungsteam unter der Bezeichnung “dramma giocoso” vorstellt ? Man kann diese Titelfigur ja auf unterschiedlichste Weise zeichnen – als Wüstling, Womanizer, Verführer, Rebell, scheiternder Verehrer – und sie alle haben ihre Berechtigung. Zu einem undefinierbaren, amorphen Nichts musste dieser Archetypus eines Frauenhelden bisher nie reduziert werden. Jetzt wissen wir: einmal ist immer das erste Mal.

Und so fällt die Entscheidung in der Pause schnell, Akt II auszulassen. Das Leben ist zu kurz für schlechte Opernaufführungen. Und falls doch am Ende des zweiten Aktes ein “Verstehen Sie Spaß”-Moderator aufgetaucht sein sollte, nehme ich meine Kritik gerne zurück.

Nachtrag: Eine Bekannte war ebenfalls in der Premiere und meinte, der zweite Akt sei komplett anders gewesen. Gut möglich also, dass dieses Regiekonzept sich am Ende “rundet”. Per aspera ad astra sozusagen.

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4 Comments

  • Hans-Peter says:

    Stimme Deinem Empfinden vollumfänglich zu. Wir sind auch nach dem 1.Akt gegangen und ganz ehrlich: selbst wenn der 2. Akt einen Sinnschluss der Figurenzerstörung des 1. Aktes entgegen hielte, dann bliebe das dennoch eine hundsmiserable Inszenierung. Jetzt hab’ ich leider den Superlativ von “asper” nicht gerade parat, aber nach der Vorlage könnte das ganze höchstens auf der -mit Verlaub- Schnauze landen und leider nicht bei den Sternen.

  • Sebastian says:

    Geil, das ist wie wenn ein Auto Kritiker um ein Auto läuft, das Design betrachtet und dann ohne Probefahrt eine Kritik schreibt. Auch im Original Don Giovanni (wenn es sowas wie ein Original überhaupt gibt) kommt die Pointe zum Schluss…Wenn es nicht lächerlich ist, dann dreist, trotzdem eine Kritik zu schreiben. Aber zum Glück wissen die Übrigen um den Auftritt des Moderatoren und so kann man diese Kritik getrost als „zurück genommen“ nehmen.

    • admin says:

      Lieber Sebastian,

      du scheinst dich nicht so ganz entscheiden zu können, ob meine Kritik nun “lächerlich” oder “dreist” ist. Vielleicht kann ich dir ja ein paar Entscheidungshilfen mit auf den Weg geben.

      Lächerlich fände ich es, wenn ein studierter Germanist in einen derart kurzen Beitrag zahlreiche ortographische und grammatikalische Fehler einbaute. Oder ist das dieselbe Art von Dekonstruktion, die man beim Heidelberger “Don Giovanni” erleben musste ? Kommt da etwa noch eine halbgare Pointe so wie bei einem schlechten Witz ?

      Dreist fände ich es hingegen, wenn der die Produktion betreuende Abendspielleiter hier seine Meinung kund täte, ohne seinen Bezug zur Produktion oder wenigstens zum Theater deutlich zu machen. Oder ist das schon eher feige ? Du wirst es mir bestimmt sagen können, Sebastian. In jedem Falle wäre es kein besonders positives Bild, das da vom Theater Heidelberg entstünde. Ein Künstler sollte doch soviel cojones haben, zu seinem Werk zu stehen. Oder wäre dir deine Mitwirkung an dieser Groteske gar peinlich ?

      Florian

  • Arsamatoria says:

    Meine Güte, hätte ich Ihre Kritik doch vor den Besuch dieser Provinzposse gelesen – mir wäre ein schauderhafter Abend erspart geblieben. Einen Don Giovanni nicht ironisch als Zausel darzustellen würde bedeuten, sich mit gewissen Rollenbildern auseinandersetzen zu müssen, die nicht nur überholt, sondern auch konteremanzipatorisch und somit letztendlich faschistisch belegt sind. Um ein deutliches Zeichen heutzutage zu setzen, wo die Rechten schon wieder im Bundestag sitzen, ist eine klar postheroische und feministische Haltung zu dokumentieren. Da ein solch mittlerweile Mainstream langweilt, wird so lange am Mozart herumgeschraubt, bis die Häßlichkeit so dominiert, daß die Veranstaltung von den Buhern als Provokation wahrgenommen wird. Dann wird endlich!!! Kunst daraus.
    Ich liebe Humor, insbesondere schwarzen, er deckt auf und entlarvt, schafft durch das Lachen Nähe. Die Ironie hingegen, sie versteckt, schafft Abgrenzung und Distanz. Deshalb taucht in der Vorstellung auch – was für eine schockierend neue und unverbrauchte Metapher! – Hitler auf, damit auch der Dümmste merkt, wovon er sich abzugrenzen hat.
    Und das Heidelberger Publikum steht in der Pause im bequemen Freizeitlook ratlos da und murmelt auf Nachfrage ‘na ja, ist halt mal was Neues…’.
    Na dann…