Norma / Mannheim (14.10.2017)

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  • October 15, 2017

Nanu, spielt man anstatt der angekündigten “Norma”-Premiere etwa den “Lohengrin”, so himmelblau beleuchtet ist der Vorhang. Doch falscher Alarm, denn mit fast tänzerischem Duktus erklingt aus dem Graben die Ouvertüre des Bellini’schen Klassikers. Als Regisseur hatte man Markus Bothe verpflichtet, der letzte Spielzeit dem Vernehmen nach eine beeindruckende “Ritorno d’Ulisse in patria” in Szene gesetzt hatte. Bothe denkt und inszeniert in erster Linie vom Bildlichen her – und das Ergebnis beeindruckt zunächst: eine riesige Eiche in der Bühnenmitte, verbarrikadiert mit meterhohen Mauern aus Sandsäcken, bewacht von den ganz in silberweiß gekleideten Galliern. Die Römer machen keine Gefangene – das ist klar, denn die beiden in Schwarz gekleideten Römer (einer davon Pascal Herrington als Flavio mit klarem Tenor) stechen kurzerhand einen der Wachposten ab. Der andere ist natürlich der Pollione von Irakli Kakhidze, der neuen tenoralen Allzweckwaffe des NTM. Im Gegensatz zu seinem etwas verhaltenen Cavaradossi besitzt der Georgier in der Höhe hier ausreichend squillo und zeigt auch in der Mittellage schöne Phrasierung.

Später erscheint dann die Norma, ebenfalls aus dem Ensemble besetzt. Miriam Clarks Darbietung der “Casta diva” – sie wäscht die Leiche des ermordeten Soldaten – fasziniert ob seiner beinahe hypnotischen Wirkung, man könnte im fast ausverkauften Saal die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Bei der anschließenden Cabaletta baut Clark beeindruckende Verzierungen ein, die ich auch von weit größeren Namen auch nicht derart technisch versiert gehört habe. Vor allem den Mut zur Höhe (später auch mit dem hohen d im Finale erster Akt) macht sprach- und wunschlos glücklich. Da ist man auch gerne geneigt, erste Fragwürdigkeiten hinsichtlich der Bühnenlogik (Warum lässt man Pollione sofort laufen, Flavio hingegen erst später auf Normas Insistieren hin ?)  zu übersehen.

Im Anschluss fährt die Unterbühne nach oben, im “Kellergeschoss” (wenn man so will) sieht man eine Art Gartencenter mit kleineren Eichen. Okay. Doch spätestens hier verliert der Abend an Fahrt. Im Duett mit Adalgisa singt letztere auf Höhe der alten Eiche, während Norma, mittlerweile in weiblichem Rot gekleidet, von unten. Das kann man machen, um die Parallelen der beiden zu verdeutlichen, aber dann müssten beide Sänger eben auch tatsächlich auch synchron geführt werden, zum Beispiel bei der Schilderung, wie Pollione die beiden für sich einnahm. Und so führt das Finale des ersten Aktes dann auch nicht zum antizipierten Cliffhanger.

Im zweiten Akt passiert, das muss leider so gesagt sein, wenig Neues, sieht man von der einstürzenden Eiche am Ende des zweiten Aktes ab.  Personenregie findet eher ansatzweise statt, es bleibt somit eine einspringerfreundliche Inszenierung, die vom Publikum gleichwohl mit viel Wohlwollen aufgenommen wurde. Allerdings irritierten mich dann zunehmend auch weitere Aspekte: die Adalgisa von Julia Faylenbogen beeindruckt zwar durch ihren pastosen Mezzo, allerdings klingt dieser weit reifer als das mädchenhafte Timbre von Miriam Clark. Dieser fehlt dann bei aller Klangschönheit ein wenig der Furor für diese so betrogene Betrügerin – was allerdings gut kaschiert wird, da an wenigen Stellen ganz gezielt einzelne Töne bzw. Phrasen sehr pointiert ausgesungen werden. Das Dirigat von Benjamin Reiners passt sich dabei den Sängern an – im Guten wie im Schlechten. Einerseits muss keiner der Sänger – es handelt sich mit Ausnahme Miriam Clarks um Rollendebüts – forcieren, andererseits fehlt dann doch die Aggressivität, wie bei den “Guerra”-Chören, die ansonsten aber gut geprobt waren.

Fazit: eine szenisch eher fade, aber auch nicht wirklich verschreckende Produktion mit guten bis sehr guten Sängern.

 

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