Götterdämmerung / Karlsruhe (15.10.2017)

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  • October 15, 2017

“Alles, was ist, endet” verkündet die Urweltweise Erda dem noch jungen Wotan bereits im Vorabend des “Ring des Nibelungen”. Dass dieser Ring nun sein Ende findet, das hat nach einem überfrachteten “Rheingold“, einer in erster Linie an ästhetischen Aspekten orientierten “Walküre” und einem passablen Rumpelkammer-“Siegfried” allerdings auch sein Gutes. Nicht auszudenken, wenn einem der bisherigen drei Regisseure die gesamte Tetralogie anvertraut worden wäre. Wie schlug sich also der shooting star der deutschen Opernregieszene, Tobias Kratzer, mit seiner Sicht auf die “Götterdämmerung” ? Wer seine Inszenierungen der “Meistersinger” und des “Propheten” an selbiger Stelle gesehen hat, für den dürfte die Antwort wenig überraschend ausfallen: ausnehmend gut. Und um Meilen besser als die drei vorherigen “Ring”-Teile zusammen, auch wenn manch vehement buhender Premierenbesucher dies dezidiert anders sehen wird.

Kratzer lässt das Vorspiel auf dem Walkürenfelsen bereits ungewöhnlich beginnen – die drei Nornen sind unzweideutig als Regisseure der bisherigen “Ring”-Teile zu identifizieren, inklusive Partituren und Bühnenbildern. Sie wissen allerdings auch nicht weiter – nur eben, dass das Ende naht. Kein Wunder, prangt auch mit riesigen Lettern “The End” auf dem roten Vorhang. Vor den schleicht sich dann Siegfried, der offenkundig auch ohne großen Abschiedsgesang “zu neuen Taten” schreiten will, allerdings fängt ihn Brünnhilde dann doch noch ab. In der riesigen, verspiegelten Gibichungehalle sitzen dann Gunther und Gutrune im Bademantel am Frühstückstisch, während Hagen längst im Anzug sitzend die Amtsgeschäft erledigt. Gunther ist in Kratzers Deutung übrigens offensichtlich schwul – und auch Siegfried entpuppt sich bereits vor dem Genuss des Vergessentrankes als Vertreter der “besser bi als nie”-Fraktion. Die drei Nornen (beziehungsweise Regisseure) beobachten den Eid und versuchen nun Brünnhilde den Ring abzuluchsen, um die Götterdämmerung doch noch abzuwenden. Eine von ihnen verkleidet sich als Waltraute, scheitert aber mit ihrem Anliegen. Später werden sie zu dritt noch als Rheintöchter Siegfried zur Ringübergabe überreden wollen – aber auch hier umsonst. Es tut sich hierbei eine interessante Ebene auf: die Menschen lassen sich nicht mehr von Göttern manipulieren oder gar lenken, sie handeln autonom. Auch Hagen, der es seinem Vater gleichtut und sich bei dessen Auftritt endgültig entmannt um seine Treue zu verdeutlichen. Ganz am Ende töten sich die Gibichungen alle gegenseitig (also auch Gutrune und Hagen sterben durch Geschwisterhand) – und Brünnhilde bekommt ihren großen Auftritt als sie den Regisseuren die Partituren entreißt, ins Feuer wirft, den bereits gesenkten Vorhang nach oben fahren lässt und die wichtigsten Szenen des Abends im Zeitraffer rückwärts ablaufen lässt. Zu den Schlussklänge sehen wir dann erneut das Schlafzimmer  Brünnhildes bei Siegfrieds Abschied. Ein Reset also, verbunden mit der Hoffnung, es möge nun anders geschehen.

Es sind aber nicht nur diese wirklich großartigen Szenen, die den Abend so besonders machen, sondern die vielen Kleinigkeiten. So hat man große Spiegel, in denen sich das Publikum auch selber sehen kann, wahrhaftig keinen Neuigkeitswert – hier aber lassen sie die Charaktere kleiner, hilf- und orientierungsloser wirken und machen das Publikum zum stillen Voyeur im Rahmen der üblichen Guckkastenbühne, sondern eben auch zum Mittäter. Das Pferd, das wir zu Beginn des zweiten Aktes sehen und – wie könnte es anders sein – Raunen mit im Publikum auslöst, hat hier eben nicht nur dekorativen Charakter, sondern eine tatsächliche Funktion, wird es doch am Ende des Aktes tot über die Bühne geschleift und dient indirekt als Blutopfer für den Racheschwur.

Auch musikalisch hat der Abend viel zu bieten. Das Dirigat des scheidenden GMDs Justin Brown beeindruckt noch mehr als bei der “Walküre”, da hier das Orchester und die Szene eine echte Symbiose eingehen. Von betörender Schönheit sind Stellen, die man sonst nur so en passant kennt, wie die Übergangsmusik zwischen der ersten und zweiten Szene des zweiten Aktes. Bei aller Vehemenz ist die Emotionalität nie plakativ, nie auf Effekt bedacht – folglich gibt es auch keine Generalpause kurz vorm Ende.

Bei den Nornen beeindruckt neben An de Ridder vor allem Dilara Bastar (auch als Wellgunde zu hören); Katherine Tier, die auch Floßhilde und Waltraute singt, wird nie mein Fall sein – aber hier, an diesem Abend, hat ihr zu oft säuerliches Timbre mich weit weniger als sonst gestört.  Die Woglinde lag bei Agnieszka Tomaszewska ebenfalls in guten Händen. Das mädchenhafte Timbre der sympathischen Christina Niessen passt hervorragend zu ihrer Gutrune, die sie auch anrührend spielt. Mit noch kernigerem Bariton als zuletzt kehrt Armin Kolarczyk vom grünen Hügel zurück und macht aus diesem Gunther eine beklemmende Fallstudie – und Lust, ihn vielleicht ja mal in Bälde als “Rheingold”-Wotan hören zu dürfen. (Beim Auftritt Gunthers auf dem Walkürenfelsen singt übrigens zu Beginn dieser sogar selbst.) Konstantin Gorny gab sein Rollendebüt als Hagen. Auch wenn bei der Textauslotung verständlicherweise noch etwas Luft nach oben ist, so zeigt der langjährige Kammersänger einen Hagen, der nicht vordergründig-verschlagen, sondern nicht weniger als sein Halbbruder von Versagensängsten tief geplagt wird. Düster erklingt sein “Hier sitz ich zur Wacht”, kraftvoll die “Mannen”-Rufe. An dieser Stelle sei der spielfreudige wie stimmgewaltige Herrenchor erwähnt.

Als Gäste hatte man unter anderem Daniel Frank als Siegfried gewinnen können. Frank spielt diesen Helden augenzwinkernd, herrlich anti-heroisch und besitzt ausreichend Kraft und Gestaltungswillen für die kräftezehrende Partie. Ein wahrer Glücksgriff. Das kann man bei Heidi Melton allerdings nur bedingt sagen. Wie schon bei den vorherigen Abenden sind Probleme bei der Höhe unverkennbar (bereits beim “dass dir zu wenig mein Wert gewann” schwächelt sie). Mit einem Höchstmaß an Konzentration gelingen ihr alle Töne, aber nicht wenige in der Höhe (und/oder phasenweise auch im Forte) klingen arg tremoliert oder körperlos. Das ist doch schade, da die Stimme in der Tiefe und in der Mittellage von erlesener Schönheit ist. Allerdings spielt Melton ihre Rolle derart bezwingend, dass die vokale Kritik hinter die darstellerische Wucht zurücktritt. Mit welchem Entsetzen sie den geopferten Grane sieht, mit welcher stoischen Gelassenheit sie die Geschichte am Ende zurückdreht – das sind eindrückliche Momente.

Fazit: dieser “Ring” hat mit seinem letzten Abend, in dieser Interpretation eine Kraft, eine apokalyptische Urgewalt erhalten, die ihm zuvor allzu offensichtlich gefehlt hat. Kratzer traut sich, die Handlung an einzelnen Momenten gegen den Strich zu bürsten, bleibt dem Plot im Kern aber immer treu. Eine gute sängerische und orchestrale Umsetzung tun ihr Übriges, um diese “Götterdämmerung” zu einem sehens- wie hörenswerten Abend zu machen.

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