Peter Grimes / Frankfurt (8.10.2017)

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  • October 8, 2017

Wenn sich in zwei Wochen der Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung treffen wird, werden 94 Abgeordnete anwesend sein, welche die vom Haus- und Hofphilosophen jener Partei konstatierte “thymotische Unterversorgung” des Staatsvolkes zu regulieren gedenken. Was das praktisch bedeuten kann, wenn jene Mischung aus Zorn und Empörung sich Bahn bricht, das kann man bestens bei Benjamin Brittens Meisterwerk “Peter Grimes” beobachten. Leider jedoch nicht an der Oper Frankfurt, denn der örtliche “Peter Grimes” fällt in der Regie von Keith Warner leider ins Wasser und ersäuft elendig. Und das eben nicht erst am Ende, sondern bereits vor der Pause.  

Keith Warner ist ein Regisseur jener Sorte, der Stücke eigentlich nur irgendwie erzählen möchte. Und das tut er auch. Aber selbst das will nicht so ganz gelingen, denn bis auf ein paar Wellen plätschert die dramaturgische See an diesem Abend bei maximal Windstärke 2 vor sich hin. Angefangen bei einer rudimentären Personenregie, die es den zahlreichen Rollendebütanten doppelt schwer macht bis hin zur glatten Arbeitsverweigerung bei der Charakterisierung der Titelfigur steuert diese Inszenierung konsequent auf den Eisberg zu. Besonders letzterer Punkt wiegt schwer, denn dieser Grimes ist ja beileibe kein Sympathieträger – immerhin kauft und beutet er Minderjährige zu seinem persönlichen Vorteil aus. In der phasenweise etwas unbeholfenen Darstellung von Vincent Wolfsteiner, der die Partie stimmlich ordentlich meistert, wirkt dieser Fischer fast wie ein überforderter Siegfried. Da kann Wolfsteiner in seinen großen Szenen noch so oft die Hände über den Kopf schlagen –  erschütternde Momente wie der Tod des zweiten Lehrjungen sind derart antiklimaktisch in Szene gesetzt, dass es ganz anders weh tut als es eigentlich sollte.

Da mag das Bühnenbild ( Ashley Martin-Davis) noch so wandelbar, die Lichtregie (Olaf Winter) noch so einfallsreich sein – es hilft alles nichts, wenn die Charaktere durch die Bank weg kein Profil erlangen: AJ Glueckert im bademantelartigen Outfit als religiöser Eiferer Bob Boles, Peter Marshs fast unsichtbarer Pastor Horace Adams, und viele mehr. Einzig die altbackene Auntie von Jane Henschel ist hier ganz klar als Puffmutter zu erkennen, die ihre Nichten (Angela Vallone und Sdney Mancasola) auf den Strich schickt. James Rutherford klingt als Captain Balstrode erfreulicherweise deutlich frischer als in seinen letzten Frankfurter Rollen. Und Sara Jakubiak bezaubert als lyrische Ellen mit der nötigen Durchschlagskraft – wenn die Regie der Witwe nicht ein blütenweißes Kleid verpasst hätte, das sie wie die Unschuld vom Strande wirken lässt. Klischee im Quadrat.

Besonders eklatant empfand ich den völlig harmlos agierenden und singenden Chor. Die “Peter Grimes”-Rufe sind einfach nur laut – blutrünstig klingen sie keineswegs. Volksverhetzung, gar Pogromstimmung findet nicht statt, auch szenisch nicht, wenn der Menschenschwarm die Hütte von Peter Grimes stürmt. Mehr als einmal wackelt die Koordination mit dem Graben, da konnte man Sebastian Weigles Kopfschütteln gut nachvollziehen. Allerdings enttäuscht der GMD nicht minder. Ich bin mir nicht sicher, ob Weigle da wirklich wusste, was er da dirigierte. Die Zwischenspiele dümpeln gepflegt  vor sich hin und verraten wenig über die unterschwellige Stimmungslage der Charaktere. Viele einzelne Soli, welche die Dorfbewohner wie die opiumabhängige Miss Sedley (Hedwig Fassbender macht einen auf Miss Marple) ironisieren, werden 1:1 abgespielt.

Ach Frankfurt, was ist da bloß schief gelaufen ?

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4 Comments

  • Stefan Biaesch says:

    Hallo liebe Opernfreunde,

    wer tatsächlich eine ehrliche und kompetente Kritik und Beurteilung der wundervollen Opernvorstellung des Peter Grimes vom 08.10.2017 in Frankfurt haben möchte, sollte sich diese auf den u.a. qualifizierten Links anschauen und -hören. Das Publikum war begeistert und ich habe bei meinen ungezählten Opernbesuchen es nur sehr selten erlebt, dass aus dem Frankfurter Publikum kein einziger Ton der Missachtung kam und das Team um den sehr einfühlsamen Regisseur Keith Warner mehrfach zum Applaus auf die Bühnen kommen sollte. Alle waren durchweg begeistert. Nur leider der hier unbekannte Autor diese Artikels nicht. Was ist also bei ihnen schief gelaufen?

    Kritik Frankfurter Neue Presse: http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Im-Holznachen-schippert-der-Aussenseiter-dem-Tod-entgegen;art679,2791328
    Kritik Offenbach Post: https://www.op-online.de/region/frankfurt/leiden-eines-aussenseiters-8759079.html
    Kritik Frankfurter Rundschau: http://www.fr.de/kultur/musik/oper-frankfurt-hans-im-unglueck-a-1365166
    Kritik Podcast HR2: http://www.podcast.de/episode/364146353/Frankfurt%2C+Oper%3A+Peter+Grimes+von+Benjamin+Britten/

    • admin says:

      Da haben Sie brav Links gesammelt. Gibt ein Fleißsternchen. Warum Sie die Aufführung gut finden, kann ich Ihrem Kommentar bedauerlicherweise nicht entnehmen.
      Was schiefgelaufen ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Von all meinen “Peter Grimes”-Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe, war dies die mit Abstand langweiligste. Punkt. Das sah übrigens auch das Ehepaar so, das in der Pause neben mir saß.
      Und dass angeblich alle jubeln und keiner buht ? Ja mei, was will das schon bedeuten ? Eine Million Österreicher haben sich auf dem Heldenplatz 1938 auch bestimmt nicht irren können. Vielleicht liegt die Begeisterung für die Produktion bei weiten Teilen des Publikums darin begründet, dass

      – es den “Peter Grimes” noch nie zuvor gesehen hat und Vergleichsmöglichkeiten fehlen
      – in Frankfurt wie so oft der kleinste gemeinsame Nenner für die Regie gesucht und gefunden wurde. Nur reicht das für ein Werk wie dieses keinesfalls.

      • Horst Müller says:

        Oh – der Vergleich des Frankfurter Opernpublikums mit den begeisterten Anhänger des Nationalsozialismus in Österreich 1938, dokumentiert offensichtlich ihr Gesinnung! Damit verstehe ich auch endlich den Ursprung ihrer Kritik und diztanziere mich hiermit bewusst von ihrer Seite!

        • admin says:

          Ich weiß zwar nicht so genau, wie man anhand der Besprechung der Aufführung Rückschlüsse bezüglich meiner Gesinnung ziehen kann, das überlasse ich dann doch gerne den Küchenpsychologen Ihres Schlags. Aber aus reiner Neugierde gestatten Sie mir eine Nachfrage: kann man sich eigentlich auch unbewusst von einer Homepage distanzieren ? Und wenn ja, wie geht das ?

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