Eugen Onegin / Zürich (30.9.2017)

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  • October 1, 2017

Kosky. Das ist doch der, der immer etwas überdreht, schrill in seinen Regiearbeiten ist, mit Affinität zum Showeffekt. Denkste.

Dieser “Eugen Onegin”, eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin (wo der Regisseur ja Intendant ist) benötigt keine große Treppe, kein Glitzer, keine chorus line.  Ein grüner Rasen tut es auch, allein im dritten Akt ist dieser kurz von einem halboffenen Palais inklusive Perserteppich bedeckt. Dann jedoch sieht Onegin die einst abgewiesene Tatjana, das Palais verschwindet (Szenenapplaus) – doch nun ist das Gras fast grau, verdorrt und der Zyniker befindet sich im selben Lichtkegel, in welchem Tatjana zuvor ihre große Briefszene sang. Der nunmehr einsetzende Regen lässt die Liebe wieder aufleben, aber Onegin bleibt letztlich im Regen stehend allein zurück. Es gäbe noch ganz viele solcher Kleinigkeiten zu berichten wie zum Beispiel das im Off stattfindende Duell zwischen Onegin und Lenski – allein die beiden zurückgelassenen Jacketts der beiden Freunde sprechen mehr Worte als Taten. Ich bin sicher, bei einem erneutem besuch noch weitere dieser Ideen vorzufinden.

Selbiges lässt sich auch über das Dirigat von Stanislav Kochanovsky sagen. Meint man anfangs noch, dass so manche Passage eher beiläufig klingt, hört man dann – oft ganz unvermittelt – einzelne Orchesterstimmen, die vom drohenden Unheil künden. Die Trompetensoli am Ende der Briefszene verströmen hier fast schon apokalyptische Urgewalt. Hervorragend !

Bei dieser Produktion sind auch die kleinsten Rollen gut besetzt, was den Genuss zusätzlich steigert: Margarita Nekrasova als robuste Filippjewna, Ksenia Dudnikova als unbeschwert-heitere Olga oder Liliana Nikiteanus präsente Larina sind hier in erster Linie zu nennen. Bei aller Stimmschönheit fremdelt Christof Fischesser als einziger ein wenig mit seiner Partie des Gremin. Pavol Breslik, den ich im Belcanto-Fach häufig deplatziert empfinde, überzeugte mich hier auf ganzer Linie. Welcher weicher, empfindsamer Klang – herrlich ! Und endlich durfte ich auch einmal Peter Mattei erleben. In jedem Lexikon für Sänger müsste beim Eintrag “Kavalierbariton” eigentlich “siehe auch Mattei, Peter” stehen. Mit welcher Leichtigkeit, ganz ohne Druck diese edle, aristokratische Stimme den Raum füllt, das lässt staunen. Auch darstellerisch überzeugt Mattei als gar nicht einmal so eitler, sondern vielmehr überforderter Charakter im Zusammenspiel mit der Tatjana von Olga Bezsmertna. Der Applaus nach deren packender, intensiver Briefszene wollte einfach nicht enden – und das zurecht. Es war schön, in dieser Partie wieder einmal einen genuin lyrischen Sopran zu vernehmen, der im Schlussbild dennoch die Kraft für die emotionalen Ausbrüche besaß.

 

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