Rinaldo / Frankfurt (29.9.2017)

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  • September 30, 2017

Das Frankfurter Besetzungsbüro hatte in den letzten Wochen viel zu tun, war krankheitsbedingt wohl keine Aufführung des “Trovatore” identisch besetzt wie die anderen. Dass Einspringer sich in der ziemlich traditionellen Inszenierung  leicht einfinden können, dürfte höhere darstellerische Reibungsverluste vermieden haben. In der überaus gelungenen Neuproduktion des “Rinaldo” im Bockenheimer Depot wäre eine Neubesetzung weitaus problematischer…

In der Vita des Sängers der Titelpartie liest man unter anderem von – man höre und staune – dass es sich um einen “prämierten Breakdancer” handelt. Regisseur Ted  Huffman nutzt diese Begabung und entwickelt eine überaus tänzerisch anmutende Regie. Jakub Józef Orliński machte mit seinem Frankfurter Debüt jedenfalls nachhaltig auf sich aufmerksma – perfekte Körperkontrolle und eine Stimme, ephebenhafte Stimme, die an Philippe Jaroussky erinnert. Von zeitloser Schönheit erklingt das “cara sposa”, gelungen gewählte Ornamente beim durchaus auch kräftig vorgetragenen “Or la tromba”. Diesen Countertenor muss man sich merken.

Dass der Abend keine one-man-Show werden wurde, ist jedoch das eigentlich Bemerkenswerte, denn Orlinskis Kollegen werfen sich ebenfalls mit Lust und Leidenschaft in ihre Rollen: Elizabeth Reiter beschwört als Armida mit aller Macht die “furie terribili” und leidet expressiv. Ihrem Gespielen Argante leiht Brandon Cedel einen auftrumpenden Bass, der die Auftrittarie “Sibilar gli angui d’Alcetto” zu einer reinen Freude macht. Karen Vuong leidet als Almirena auf verinnerlichte und zurückhaltend Weise – die vielleicht bekannteste Arie “Lascia ch’io pianga” ist ein Lehrstück resignativen Ausdrucks. Brava !

Simone di Felice leitete das Orchester, das sich durch viele gelungene Soli auszeichnete und somit zu wahren Partnern der vokalen Solisten mauserten. Mag der Klang für den einen oder anderen etwas zu gediegen gewesen sein, so beeindruckte mich vor allem schon die Transparenz in der Ouvertüre, wo unweigerlich Bilder von einen klaren Gebirgsbach evoziert wurden.

Huffman streicht übrigens alle Bezüge zu den Kreuzzügen und lässt die Handlung auf einer vollkommen leeren, stark abfallenden Bühne (Annemarie Woods) spielen. Zusammen mit einer durchdachten Lichtregie (Joachim Klein), nur wenigen, dafür umso pfiffiger eingesetzten Versatzstücken wie Äst, Stuhl, Schiffsrumpf, etc. werden Bühnensituation konkretisiert. Im Zusammenspiel mit den ansprechenden Kostümen (Raphaela Rose)  und dem ganzen Umfeld des Aufführungsortes entsteht somit ein magischer Sog, der einen knapp drei Stunden in den Bann zieht.

Fazit: Volltreffer !

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One Comment

  • Discman says:

    “In der überaus gelungenen Neuproduktion des “Rinaldo” im Bockenheimer Depot wäre eine Neubesetzung weitaus problematischer…”
    Und prompt passierte es für die letzten beiden Vorstellungen am 1.und 3. Oktober. Daniel Miroslav (Eustazio) hatte sich in der von dir besuchten Aufführung zu Beginn des 2. Aktes die Schulter (oder Arm) ausgekugelt und fiel aus. Glücklicherweise kehrte der Choreograph Adam Weinert nach Frankfurt zurück und übernahm den szenischen Part. Gesungen wurde die Rolle von dem Countertenor (und damit eigentlich sogar stilechter) Dmitry Egorov, ganz hervorragend.