Das Wunder der Heliane / Gent (23.9.2017)

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  • September 25, 2017

Nach nicht einmal zwei Monaten hatte ich erneut die Möglichkeit, das komplexeste Werk Erich Wolfgang Korngolds unter die Lupe zu nehmen. Wie schlug sich die szenische Produktion in Gent im Vergleich zur rein konzertanten Wiedergabe in Freiburg ? Nun, gar nicht mal schlecht. Wenn, ja wenn…

…wenn der Regisseur nicht David Bösch gewesen wäre. Um nicht falsch verstanden zu werden: diese Regie ist nicht einmal schlecht, sie ist einfach zu oft zu nichtssagend. Eine wirklich zwingende Umsetzung ist bei diesem verschwurbelten Libretto allerdings kein Leichtes, insofern sind die vielen Fragezeichen durchaus zu verschmerzen. Bösch lässt die Handlung in einem apokalyptischen Ödland à la “Mad Max” spielen; im ersten und dritten Akt mit einer zerfetzten, allerdings leeren Werbeplakatwand und im zweiten Akt einem Güterwagon im Hintergrund. Kann man ja alles machen, aber zunehmend kommen Fragen auf. Fragen wie: warum flieht der Fremde nicht einfach, wenn er alleine auf der Bühne ist ? Warum singt er dem Herrscher zu, er könne nicht knien, wo er die ersten fünf Minuten unentwegt im Knien die unglaublich anspruchsvollen Phrasen bereits singen muss. Warum frag er den Wächter (Markus Suihkonen mit jugendlichem Bass) “Warum schaust du mich so an ?” obwohl beide in diesem Augenblick irgendwo hinblicken, nur eben nicht sich nicht gegenseitig ? Meint irgendwer, dass dieser überaus rohe Herrscher mit stets geöffnetem Mantel und entblößter Brust, der die Nacht auf einer einfachen Matratze verbringt, noch nie mit seiner Frau geschlafen hat ? Was zieht diese Heliane eigentlich zu dem Fremden ? Einzig bei der Botin (Natascha Petrinsky mit herrischer Attitüde) ist schnell klar, dass sie Helianes Nebenbuhlerin ist. Aber ansonsten bleibt zu viel im Unklaren.

Das Verschmerzbare an der Sache ist:  angesichts dieser packenden, emotionalen Partitur ist das irgendwie nicht wirklich wichtig. Man erfreut sich an einem mehr unterstützenden als eigenständig-sinfonischem Dirigat aus dem engen Orchestergraben von Alexander Joel. Man nimmt die Besetzung des Herrschers mit Tómas Tómasson und seinem aggressiven, raubeinigen Bariton wohlwollend zur Kenntnis. Bei Ian Storey fällt erneut der geschmackvolle Einsatz der Kopfstimme auf, das Timbre wird weiterhin nicht das schönste sein – aber im Gegensatz zu Freiburg klingt Storey nun bestens präpariert und präsenter. Die Urgewalt seiner Töne beeindruckt mich jedenfalls und machte seine Leistung zur letztlich besten des Abends. In der Titelpartie konnte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Ausrine Stundyte machen. In den weichen, sanften Passagen, aber auch dem “Ich ging zu ihm” klang die etwas neutrale Stimme stets weich und galant, extrem höhenversiert und somit ideal für Strauss. Gleichwohl schlich sich in den lauteren, expressiven Passagen ein etwas säuerlicher Ton ein, der mit dem überwiegend weichen Klang im Kontrast stand.

Fazit:  Gent hat sich gelohnt und die “Heliane” auch.

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One Comment

  • Pünktchen says:

    “[…] diese Regie ist nicht einmal schlecht, sie ist einfach zu oft zu nichtssagend.”
    Das ist aber ein Markenzeichen von David Bösch: platte Regie in hässlichen Bühnenbildern…

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