Lohengrin / Prag (2.9.2017)

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  • September 5, 2017

Wiederaufnahmen klassischer Inszenierungen sind momentan en vogue. Der Heiner Müller-“Tristan” in Lyon oder die Salzburger Karajan-“Walküre” sind nur zwei prominente Beispiele. Blättert man nun durch die gängige Literatur zu den Bayreuther Festspielen, findet sich regelmäßig die Behauptung, von den beiden männlichen Wagnerenkeln sei Wieland das kreative, Wolfgang hingegen das organisatorische Talent gewesen. Fünfzig Jahre nach seiner Bayreuther Premiere gab es nun die selten Möglichkeit, eine Wolfgang Wagner-Inszenierung des “Lohengrin”  in der szenischen Leitung seiner Tochter und mittlerweile selber arrivierten Festspielleiterin Katharina erneut zu erleben und auf den künstlerischen Gehalt hin abzuklopfen.

Über den Mehrwert eines solchen Unterfangens darf man gerne geteilter Meinung sein. Für mich ist das eher ein Theatermuseum, was von mir (da Historiker) nicht einmal negativ gemeint ist. Was mich zunächst irritierte waren die starke Farben, da die Fotos der damaligen Zeit lediglich schwarz-weiß-Format besaßen. Ein intensives türkisfarbenes Bühnenbild und rote wie türkisfarbene Kostüme dominieren, sieht man vom klassischen Weiß (Elsa) und Silber (Lohengrin) ab. Blumenranken zieren die oktagonale Bühnenfläche, im Hintergrund gibt es für jeden Akt ein neues Bühnenbild – das kennt man ja als einheitsbühnenraumgestählter Mittenddreißiger nur noch von Erzählungen betagter Wagnerianer…. Das ist es aber auch, was zu berichten wäre. Ansonsten herrscht Leerlauf, bei dem es offensichtlich weniger darum ging, die Handlung plausibel wiederzugeben, sondern die Bühnensymmetrie aufrecht zu erhalten. Wenn Elsa zum Beispiel nach vorne rechts geht, dann weiß man schnell, dass Lohengrin nach vorne links schreiten wird. Das ergibt nicht immer Sinn und so wirkt der ordentliche, aber heftig soufflierte Chor bei der Münsterszene beim Auftritt wie eine Schuklasse beim Positionieren für ein Foto. Manchmal wird es auch widersprüchlich, wenn Ortrud am Ende der selben Szene immer noch am Altar steht oder Gottfried ganz am Ende sich seiner zusammengebrochenen Schwester kreisförmig nähert. Peinlich wird es dann im Brautgemach, wenn Elsa und Lohengrin auf einer kackbraunen Ledercouch – ja was eigentlich genau ? Sich darum zoffen,welches der zwei Fernsehprogramme sie nun kucken wollen ? Ich weiß, der Kuppelparagraph harrte zum Zeitpunkt der Premiere noch drei weitere Jahre seiner Abschaffung, aber auch 1967 muss es doch ansatzweise so etwas wie Erotik oder sexuelle Spannung geben haben, oder ? Nun ja. Schön, es gesehen zu haben, aber wenn schon Ausgrabung (und Ausstellung), dann doch bitte wegweisendere Inszenierungen als diese, gerne einmal von Wieland. Ansonsten gilt: de mortuis nihil nisi bene.

Musikalisch kommt man angesichts der moderaten Preise hingegen auf seine Kosten: Jiri Sulzenko gibt keinen siechen, sondern ziemlich rüstigen König Heinrich (“dann schmäht wohl NIEMAND mehr das deutsche Reich”), Vladimir Chelmnos solider Heerrufer hätte gerne zum Schlussapplaus erscheinen dürfen, aber der morgige “Figaro” forderte wohl eine verdiente Ruhepause. Auch Martin Barta gelingt es, den Telramund fernab jeglicher so oft zu vernehmender Bellerei mit viel Legato zu versehen, seine Bühnengattin war vom Stimmtypus eigentlich eher eine Herodias oder “Hänsel”-Hexe, aber in den entscheidenden Momenten konnte Eva Urbanova alle Reserven mobilisieren und sich achtbar aus der Affäre ziehen. Dass sie als Ortrud die Bosheiten ihres Textes wirklich auszukosten vermag, ist – bei Wagner zumal – weit mehr als nur ein Bonus. Edith Haller betörte mit ihrem reinem, keuschen Sopran und präsentierte die beste Leistung des Abends, ein zwei gefährdeten Forte-Stellen im Brautgemach zum Trotze. Bedauerlicherweise war der Lohengrin von Charles Kim nicht annähernd in der selben Qualitätsliga zu finden. In den ersten beiden Akten eher schwach auf der Brust, kaum Glanz in der Stimme und ein Mienenspiel, das sich hinsichtlich Ausdrucks einem Skoda geschlagen geben müsste. Erst im dritten Akt taut Kim auf, dann geht es aber mit seiner Stamina langsam, aber stetig zu Ende. Ob die plötzlich zu vernehmenden Piani wirklich gestaltet (also gewollt) oder einfach nur der Not geschuldet waren ? Bei der Gralserzählung hetzt er dann zudem dem umsichtig dirigierenden Zbynek Müller hinweg und muss prompt wieder eingefangen werden.

Das Orchester spielte übrigens sehr genau, gerade im Vorspiel zum ersten Akt kollidierten auf interessante Weise die streicherlastigen Gralstöne gezielt mit den martialischen Klängen der Blechbläser. Bravi !

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