Don Giovanni + Le nozze di Figaro / Prag (1./3.9.2017)

  • 1
  • September 5, 2017

Opern am Ort ihrer Uraufführung zu hören, ist immer ein besonderes Ereignis – bei Mozarts “Don Giovanni” im Prager Ständetheater erst recht.

Die Wiederaufnahme war gut geprobt, aber die Regie ließ doch einiges an Erotik vermissen, allen Einsatzes der Tänzer zum Trotze. Die Regie von SKUTR begann in einem schön bespielbaren Raum mit vielen Fenstern und Türen, endete im Laufe des zweiten Aktes dann zunehmend in einer schlechten Fassung dessen, was man im allgemeinen als “Regietheater” bezeichnet. Somit waren die auch Sänger immer mehr auf sich gestellt.

Das Sängerniveau war solide, vergleichbar mit einem mittelgroßen Haus à la Mannheim oder Karlsruhe, mit einigen Ausschlägen nach oben und unten. Wirklich schwach war einzig der orgelnde, später distonierende Komtur (Ludek Vele). Pavel Svingr und Yukiko Kinjo harmonierten hervorragend als Buffopaar Masetto/Zerlina, bei den verlassenen Damen lieh Jana Horakova Levivo der Donna Elvira einen schön timbrierten Mezzo, Marie Fajtova beeindruckte als Donna Anna weniger durch Stimmschönheit, sondern durch perfekte Atemkontrolle und bezaubernde Fiorituren und Triller – für mich die beste Leistung des Abends. Der Leporello (Milos Horak) war eher von der gemütlichen Sorte (wie auch als Figaro zwei Tage später), Ales Janis lieh der Titelfigur eine phasenweise ungewohnt anmutende Verletzbarkeit.

Jan Chalupecky dirigierte phasenweise arg breit –  während Robert Jindra dann am übernächsten Abend eine beinahe atemlose “Hochzeit des Figaros” präsentierte. Auch hier merkte man die gute Probenarbeit (Regie: Josef Prudek), aber der Funke sprang vom neoklassizistisch angehauchten Bühnenbild deutlich schneller über und entfachte einen emotionalen Flächenbrand: Ganz besonders imponierte hier Pavla Vykopalova als Gräfin mit einem kräftigen, glutvollen Vortrag. Ihr Gatte war im Auftreten Seelenverwandter des schmierigen, notgeilen Baron Ochs aus dem “Rosenkavalier” – Valdimir Chemlo zeigte sich von seiner besten Seite. Die Petra Perla Notova als gewitzte machte ihre Sache ebenso überzeugend wie der hormongeschädigte Cherbubino von Stanislava Jirku. Bei den kleineren Partien dominierte Yvona Skarova als dominante Marcellina.

Selten habe ich den damaligen gesellschaftlichen Diskurs einer Oper derart greifbar vor Augen und Ohren gehabt wie hier. Wunderbar.

Share Button
(Visited 31 times, 1 visits today)