Die Meistersinger von Nürnberg / Bayreuth (15.8.2017)

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  • August 16, 2017

“Wer Jude ist, bestimme ich” soll Hermann Göring gesagt haben. Und was dem ehemaligen Reichsjägermeister recht war, das kann Richard Wagner nur billig gewesen sein. Das mag sich jedenfalls Regisseur Barrie Kosky bei der Konzeption seiner interessanten, aber letztlich das Thema verfehlenden Neudeutung der “Meistersinger” gedacht haben.  

Es dürfte kaum ein Werk – und bei Wagner schon mal gar nicht – geben, das derart von seiner Rezeptionsgeschichte überlagert wurde. Vor allem die unselige Zeit des Zwölfjährigen Reiches hat dieser Oper einen allzu braunen Stempel aufgedruckt, von dem es sich auch heute nicht ganz befreien konnte. Durchaus nachvollziehbar, diente die Partitur doch immer wieder als regierungstreuer Soundtrack, u.a. im Propagandastreifen  “Triumph des Willens” von Leni Riefenstahl oder als verkappte Krönungsmesse am Tag von Potsdam.

Das kommt nicht von ungefähr: nicht nur die Schlussansprache des Hans Sachs zur deutschen Kunst, sondern vor allem die Figur des Beckmessers laden förmlich zum Missbrauch, zur absichtlichen Fehldeutung ein. Vor allem die Rolle des pedantischen Stadtschreibers wurde von Generation von Theater- und Musikwissenschaftler auf antisemitische Klischees unter die Lupe genommen. Egal, ob man dessen Gesangslinien im zweiten Akt als Karikatur von Synagogengesängen oder italienischer Oper, den Charakter selber antisemitisches Zerrbild oder doch eher als Wagners großen Kritiker Eduard Hanslick deuten will – beide Sichtweisen sind durchaus schlüssig.

Barrie Kosky entschloss sich ganz klar zur erstgenannteren Perspektive. Den ersten Akt lässt er in der Villa Wahnfried stattfinden, wo Wagner, Cosima, Franz List, und eben auch Hermann Levi – Jude und Premierendirigent des “Parsifal” den ersten Akt der “Meistersinger” nachspielen, wobei Sachs, Stolzing und David Wagners Outfit tragen. List mutiert zu Pogner, seine Tochter Eva wird konsequenterweise von Wagners Frau Cosima übernommen. Levi bleibt nichts anderes übrig als die Rolle des Außenseiters zu übernehmen – er tut dies anfangs überaus unwillig, später dann umso engagierter. Am Ende fährt Wahnfried in den Hintergrund und wir befinden uns im Gerichtssaal der Nürnberger Kriegsprozesse. Dort geht es im zweiten Akt auch direkt weiter, allerdings ist der Boden nun begrünt. Zur Prügelfuge verschwindet das “Gras, das über die Sache gewachsen ist”, Beckmesser trägt nunmehr eine Maske, die an die Judenkarikatur im “Stürmer” erinnert. Zusätzlich wird die selbe Fratze überlebensgroß aufgeblasen und zum Ende des Spuks wieder die Luft entlassen. Im dritten Akt ist der Gerichtssaal dann mit Tischen und Bänken versehen. Zur Ansprache von Sachs fährt ein (Statisten-)Orchester aus dem Bühnenhintergrund nach vorne um den künstlerischen Aspekt der Rede zu betonen.

Kosky weiß natürlich, wie man Charaktere führt. Selbst wenn er mit einzelnen Figuren weniger anfangen kann, so merkt man dies nur ganz am Rande. Gleichwohl schrammt Kosky mit seiner Interpretation, die viel eher eine Konzentration auf einen wichtigen, aber eben doch nur Nebenaspekt des Werkes darstellt, zu oft an den Thema vorbei, worum es meines bescheidenen Erachtens viel eher geht – nämlich die Frage, wie Kunst die Kraft zur Neuerung behalten kann ohne sich von ihren Wurzeln zu lösen, also Tradition und Innovation zu verbinden. Davon sehen wir leider sehr wenig und so kommt es, dass die zentrale Schusterstubenszene bei aller Präzision eben doch beiläufig, das erste gescheiterte Vorsingen Stolzings in seiner Bedeutung für den Handlungsverlauf nicht wirklich nachvollziehbar ist, zumal die strukturkonservativen Meistersinger hier bar jeder Individualität als epileptisch zuckende, Tüllhosen tragende Witzfiguren gezeichnet werden. Das Hauptaugenmerk Koskys liegt klar auf Beckmesser, der einzelne Verse mit jiddischem Akzent versieht (“Zwar wirds ‘ne harte Arbeit sein…”) und immer mehr zum Mobbingopfer mutiert.

Dabei gibt es durchaus Momente, die Beckmessers Außenseiterposition viel eindrücklicher belegen als die riesige “Stürmer”-Karikatur: wenn beim Aufmarsch der Meister sich keine Hand bei dessen Auftritt rührt, wo zuvor jeder seiner Kollegen mit Applaus bedacht wurde, dann ist das in meiner Wahrnehmung weitaus eindrücklicher als eine historische Anspielung mit dem Holzhammer. Bei den anderen Charakteren ist mir jedoch einiges unklar geblieben: sieht man im zweiten Akt jetzt eigentlich Cosima und Richard Wagner oder eben Sachs und Eva ? Gerade der Verzicht des Schusters auf die Tochter des Goldschmieds ergibt in seiner emotionalen Brisanz hier nicht wirklich Sinn. Schade zum einen, denn im Gegensatz zum auf ähnliche Weise historisierenden Herheim-“Parsifal” blieben die Charaktere phasenweise nur schablonenhaft. Schade zum anderen, denn von dem sich selber regelmäßig als schwul, jüdisch und australisch apostrophierenden Theatermacher hätte mich weniger die – zugegebenermaßen nahe liegende – jüdische Perspektive, sondern die Erfahrung des Intendanten interessiert, der es ja geschafft hat, sein eigenes Haus (Komische Oper Berlin) mittels Erneuerung durch Rückbezug auf die Geschichte des Hauses wieder flott zu machen. Das hätte etwas werden können – so hat man eine Inszenierung, bei der es immer viel zu gucken und schmunzeln gibt, man gut unterhalten wird und sich doch immer wieder am Kopf kratzt und den nicht gepflückten Erdbeeren nachtrauert.

Viele Tränen mussten aber nicht vergossen werden, da die musikalische Umsetzung bis auf eine schmerzhafte Ausnahme keinen wesentlichen Anlass zur  Beckmesserei bot. Besagte Ausnahme war Anne Schwanewilms als überreife Eva weit jenseits des Haltbarkeitsdatums. Die sympatische Sopranistin spielt die Eva spielende Cosima wirklich hübsch, aber bis auf ein paar wenige schöne Phrasen (“..dem Meistergericht”) krächzt und zittert sie sich im Mezzopiano durch die Partitur, dass man am Ende fast Mitleid mit ihr haben muss. Wiebke Lehmkuhl besaß als ihre Amme Magdalene eine weit intaktere, präsentere, jugendlichere Stimme. Das gibt es auch nicht alle Tage. Daniel Behles sympathischer David weist bei aller Leichtigkeit bereits auf schwerere Partien im Wagnerfach hin, während Günther Groissböck als Pogner nicht im gleichen Maße Eindruck machen kann. Klaus Florian Vogt hatte zwischen die Stolzings einen finnischen Parsifal eingelegt und das merkte man zu Beginn auch: kurzatmig beginnend benötigte der Tenor den ersten Akt, um warm zu werden. Dann aber überrascht Vogt im Positiven: anstatt des ätherischen obertonreichen Klanges singt er zunehmend in den Körper hinein, so dass die eine rhythmische Unsicherheit und ein kleines Krächzen im Preislied nicht wirklich ins Gewicht fallen: hier ist im Laufe des Abend tatsächlich ein Meistersinger herangewachsen. Auch wenn ich mich ein wenig in die Nesseln setze: so großartig empfand ich Johannes Martin Kränzles Beckmesser nicht, seinen Münchner Kollege Markus Eiche gefiel mir da letztes Jahr besser. Da Kränzle aber so überragend singschauspielert, sieht und hört man gerne über das verunglückte hohe A in der Schusterstube hinweg und freut sich insbesondere an dessen Interaktion mit Michael Volle. Der hat mittlerweile die Partie des Schusters übernommen – in der letzten Bayreuther Produktion war er ja noch Stadtschreiber – und legt eine mustergültige, wortdeutliche Interpretation vor: beinahe wie ein Maler färbt er die Noten mit unterschiedlichsten Schattierungen, weiß Kraft und Poesie genau abzuwägen. Nein, mir fällt auch bei längerem Nachdenken kein Sänger ein, der Volle hier das Wasser reichen könnte. Und ja – das schließt Wolfgang Koch und den von mir hochverehrten Bryn Terfel mit ein.

Bleibt neben dem wie stets herausragenden Chor (gleich dreimal Gänsehaut beim “Wach auf”-Chor – wo gibt es das noch ?) noch das Dirigat von Philippe Jordan: es dürfte kein undankbareres Werk für den gedeckelten Bayreuther Orchestergraben geben als dieses. Wenn ich also die Leistung des Schweizers nicht als glänzend, sondern als schimmernd bezeichne, dann hat dies in erster Linie architektonische Gründe und die eine oder andere überlange Generalpause ergibt sich eher aus dem Bühnengeschehen, weniger aus Selbstdarstellungsdrang à la Thielemann. Eine solide Umsetzung der Partitur.

Fazit: Katharina Wagners letzte “Meistersinger” waren kurioserweise näher am Werk dran als Kosky. Der beherrscht sein Handwerk aber um einiges besser, so dass er das begeistert, aber kurz applaudierende Publikum erstklassig unterhält. Die sängerischen Leistungen (mit Ausnahme Schwanewilms) sind zumal so hervorragend, so dass die Intendanz diese Produktion ohne Wenn und Aber als Gewinn fürs Haus verbuchen darf.

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