Carmen / Bregenz (1.8.2017)

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  • August 2, 2017

Es gab mal eine Zeit, da war die Kunstform Oper längst nicht mehr adeliger Repräsentationsmechanismus, besaß aber noch nicht den Ruf der abgehobenen Intellektualität. In jener Zeit des langen 19. Jahrhunderts musste Oper unterhalten – sie durfte auch intellektuell sein,  musste es aber nicht. Die Freilichtaufführungen in Bregenz folgen genau jenem Muster, indem sie gewisse zeitlose Sensationsbedürfnisse bedienen, auch wenn die Umsetzung derselbige sich freilich gewandelt hat. Logisch, denn wenn man zwanzig Aufführungen à 7000 Zuschauern bestreiten will, dann muss man dem auch Affen Zucker geben.

Wegweisende Neudeutungen wie in Frankfurt waren von Anfang an ausgeschlossen, geübtere Operngänger waren in erster Linie gespannt, wie das doch recht umfangreiche Werk über die femme fatale schlechthin auf 115 pausenlose Minuten komprimiert werden konnte. Die Antwort: erstaunlich gut. Daran hat auch der ehemalige Intendant des Royal Opera Houses, Kasper Holten Anteil. Der führte dieses Regie im wie stets in Bregenz überlebensgroßen und beeindruckenden Bühnenbild (Es Devlin) Regie, ohne wie sein Vorgänger (“Turandot“) den Bogen zu überspannen. Einzig im dritten Akt war da für ich mehr “Fluch der Karibik” als Schmugglerflair. Die Beleuchtung der riesigen Spielkarten empfand ich als ästhetisch ansprechend und den Handlungsverlauf sinnvoll unterstützend.  Toll, wie sich Carmen und Don José am Ende gegenseitig (!) immer mehr bedrängen und letztlich immer mehr ins Wasser gehen.

Dirigent Paolo Carignani dirigierte ratzfatz und brachte Micaela und Escamillo im dritten Akt arg in Bedrängnis. Ein temperamentvolles, sprirtiges Dirigat, das zudem gut ausgesteuert wurde. Angesichts der meteorologischen Verhältnisse – eine Stunde zuvor tobte ein Sturm und auch während der Aufführung gab es immer wieder kleine Schauer – waren die Sängerleistungen noch höher zu bewerten:

Elena Tsallagovas Micaela fliegen die Herzen zu – angesichts des warmen, gar nicht mal so kindlichen Soprans hochgradig verdient.

Andrew Foster-Williams liegt der Escamillo weiter besser in der Kehle als der gestrige Rossini – Tiefe, Höhe, Mittellage: alles vorhanden und gut miteinander verbunden.

Ein unerwartetes Wiedersehen gab es mit dem Ex-Mannheimer Martin Muehle. Den hatte ich nicht gerade in bester Erinnerung (“Stiffelio”) und war umso mehr überrascht: das Timbre ist dunkel, aber nicht artifiziell, die Höhen haben Gusto. Darstellerisch wirft er sich am meisten in die Rolle. Klasse !

Lena Belkinas Carmen war anfangs etwas brav, aber dennoch immer glaubwürdig in ihrer Darstellung; in stimmlicher Hinsicht handelte es sich um eine klassische Rollenvertreterin mit den üblichen “Brusttönen”, was dem akustischen Genuss freilich keinen Abbruch tat.

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