Oberon / München (30.7.2017)

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  • July 31, 2017

Ein erster Blick in die Inhaltsangabe bestätigt die Befürchtung: Shakespeare ist in der letzten Oper Carl Maria von Webers lediglich Stichwortgeber. Ein zweiter, ausführlicher Blick lässt einen an den handwerklichen Basiskompetenzen des Librettisten, ja gar an dessen Verstand zweifeln. Ich hatte den “Oberon” schon einmal – lang, lang ist’s her – in Freiburg gesehen. Schon damals war ich von der Musik beeindruckt und hätte es damals fast so gemacht wie einige in München gestern: die Aufführung in der Pause, spätestens dann im Laufe des dritten Aktes ob des dann förmlich zerbröselnden Handlungsstranges zu verlassen.

Und ja, ein paar Kürzungen hätten dem Abend gestern gut getan. Gleichwohl hat man selten so gut agierende und deutlich artikulierende Sänger auf einer Bühne erlebt. Die drei Puppenspieler (Sebastian Mock, Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen) verkörpern die zahlreichen Sprechpartien abwechslungsreich und mit viel Freude an deren Skurrilitäten. Regisseur Nikolaus Habjan hatte gut daran getan, die pseudo-dramatische Handlung zu ironisieren und im Rahmen eines Menschen- bzw. Geschlechterexperiments zu zeigen. Der gediegene Humor tat dem Wirrwarr jedenfalls gut.

Der eigentliche Star des Abends saß für mich jedoch im Graben: das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Ivor Bolton. Die Ouvertüre dieser Oper hört man ja oft als warm up-Nummer in Konzterprogrammen, hier zeigt sich höchste Spielkultur in historisch informierter Aufführungspraxis. Ein wunderbarer Klangteppich entstand da, allein dem Naturhorn hätte ich Stunden lauschen können.

Bei den Sängern gibt es – bis auf Anna El-Khashem, die das Meeresmädchen mit engelartiger Stimme singt – keine herausragende Leistung zu vermelden. Gut, wen auch mit Abstrichen war das homogen besetzte Ensemble gleichwohl. Alyona Abramowa (Titania/Puck) aus dem Opernstudio versteht man so gut wie gar nicht, was angesichts der Überschaubarkeit der Partie erst recht verschmerzbar ist. Ihr Bühnengatte und Titelpartie war mit Julian Prégardien prominent besetzt, von seinem frei strömenden, weichen Tenor hätte man gern mehr gehört. Als “niederes Paar” führte Rachael Wilson einen rauchigen Mezzosopran und Johannes Kammler einen unverbrauchten Bariton mit viel Charme ins Felde. Brenden Gunnell hat in seiner ersten Arie (“Von Jugend auf in den Kampfgefild”) einen kurzen Aussetzer, die Klippen der vertrackten Partie des Hüon von Bordeaux meistert er aber mit Anstand, im zweiten Akt dann mit Gefühl und Aplomb. Am kontroversesten wurde die Rezia Annette Daschs aufgenommen. Zahlreiche Elsas haben da an der Substanz genagt, aber im Rahmen der exaltierten Darstellung passt sich die Stimme überzeugend an. Gewiss, die Höhen bei der “Ozean”-Arie waren kurz vorm Schiffbruch, aber Dasch verziert die Strophen gekonnt. Ein vehementer Buhrufer brachte Frau Dasch jedenfalls nicht davon ab, ihren (von mir unerwarteten) Sinn für Timing, Mimik und Modulation ins Spiel zu bringen.

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