Un giorno di regno / Heidenheim (27.7.2017)

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  • July 28, 2017

Komische Verdi-Oper ? “Falstaff!” Und das war’s doch auch schon. Oder….? Nicht ganz, denn bei Verdis Zweitwerk, “Un giorno di regno” handelt es sich um eine durchaus vergnügliche Verwechslungs- und Intrigenkomödie am polnischen Hof. “Die fast völlig in Vergessenheit geratene Oper erfreut sich in jüngster Zeit wieder zunehmender Beliebtheit” werben die Heidenheimer Opernfestspiele auf ihrer Homepage. Das ist zwar sehr weit hergeholt – eine Anfrage bei Operabase in den letzten dreieinhalb Jahren verweist auf szenische Produktionen im bulgarischen Zagora, Martina Franca sowie Braunschweig. Das war’s auch schon. Lohnte sich die Ausgrabung ?

Ganz klar: ja ! Die Musik ist herrlich – rhythmisch-federnd, Parlando-Passagen à la Rossini, schmissige Duette und große Nummern inklusive Stretta. Das Cembalo bei einigen Rezitativen erinnert an längst vergangene Zeiten, anderes weist in die Zukunft. Die Sänger und der Chor sind mit vollem Elan und sichtbarer Freude bei der Sache, die Begeisterung überträgt sich sofort ins Auditorium, das deutlich leerer als noch am Vortag war. Gocha Abuldazes maskuliner Belfiore, Davide Bersinis energischer Baron Kelbar, Giuseppe Talamos etwas höhenschwacher, aber ansonsten klischee-italienischer Edorda – bei den Männern gab es keinen Ausfall. Bei den Damen dominierte Elisabeth Jansson als Marchesa mit feurigem Mezzo die Bühne, Michaela Maria Mayer kommt hörbar aus dem deutschen Fach, was sie jedoch nicht daran hindert viele Phrasen ungemein klangschön zu gestalten.

Gleichwohl habe ich den Saal nach Ende der Aufführung mehr als zügig verlassen, nicht allerdings ohne der Regisseurin, Barbora Horáková Joly, ein aufrichtig gemeintes Buh zu den zahlreichen Bravorufen anderer Zuschauer mitzugeben. Die Handlung wird von einer Hofgesellschaft in eine Pizzeria verlegt – so weit, so gut. Doch dann artet das Geschehen in billigstes Bauerntheater aus – Theaterstadl mit Musi, wenn man so will. Noch vor der Ouvertüre und sogar innerhalb einer Arie werden plötzlich Canzoni (“O sole mio”) geschmettert, schwule Mafiosi tänzeln in Ballettmanier über die Bühne, Putzfrauen schrubben regelmäßig im Takt. Es wird wild grimassiert und gefuchtelt, gealbert und geblödelt. Die eigentliche Handlung und die Charaktere werden dabei zunehmend zu bloßen Fußnoten degradiert – denn wer achtet schon auf die Solisten, wenn den Choristen reihenweise auf Yogamatten Qui Gong betreiben oder “Schpageddi” (so die enthusiastische Nebensitzerin mehrfach laut kommentierend) samt Sauce serviert bekommen. Melonen, Eier und weitere Zutaten finden so oft Verwendung, dass man meinen könnte, es handle sich um ein TV-Kochstudio – und ja, auf der Bühne wird tatsächlich live gekocht. So penetrant wie permanent, dass der Knoblauchgeruch sich weit in den Saal hineinfrisst. Bei allem Verständnis, die verworrene Handlung “mundgerecht” für begriffsstutzige Ostalbler zu servieren – dieses Werk hat es schlicht nicht nötig, auf Prunksitzungsniveau abgehandelt zu werden.

Es ist zu hoffen, dass die künstlerische Leitung der Festspiele nach dem letztjährigen “Oberto” das musikalische Niveau weiter zu halten vermag, denn Marcus Bosch und seine Cappella Aquileia zelebrieren frischen, jungen Verdi vom Feinsten, al dente sozusagen. “I lombardi” im Stile von Monty Pythons “Ritter der Kokosnuss” – das mag ich mir beim besten Willen nicht vorstellen…

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