Der fliegende Holländer / Heidenheim (26.7.2017)

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  • July 27, 2017

“Und wenn der Regisseur nicht weiter weiß, dann spart er nicht an Trockeneis.” Selten konnte man den Wahrheitsgehalt dieser alten Theaterweisheit besser überprüfen als beim aktuellen “Holländer” der diesjährigen Opernfestspiele Heidenheim.

Wetterbedingt fand die Aufführung nicht auf Schloss Hellenstein, sondern dem angrenzenden  Kongresszentrum statt, wo – so heißt es – Regisseur Georg Schmiedleitner keinen finalen Klippensprung Sentas, sondern alternativ einfach nur einen innigen Kuss zwischen Holländer und Sentas in Szene setzte. Bezeichnend, denn man präsentierte eine Mischfassung: einerseits kein Erlösungsschluss (also im Widerspruch zur Szene) und Steuermann-Versprecher (“Ach liebes Mädel, blas noch mehr”), andererseits die gastronomisch relevante Pause nach dem ersten Akt.

Die war allerdings bitter nötig, um nach den Unmengen von Trockeneis etwas frischere Luft in den ausverkauften Saal gelangen zu lassen. Und um zu sortieren, was man eigentlich gesehen hatte: einen an Senta übergriffigen Daland, im Auditorium verteilte Matrosen inklusive Surroundklängen und viel, viel Leerlauf. Antonio Yang singt den gesamten Holländer-Monolog im gemütlichen Marsch von der letzten Reihe zum Graben laufend, Geldscheine werden später von der Mannschaft des Holländers durch die Luft gewirbelt, vom Steuermann ratzfatz eingesammelt, Verlobungsschnaps von Daland an die Damen im vordersten Sitzblock verteilt. Der Handlung fehlt jegliche Fokussierung, es herrscht ein ständiges Durcheinander. Schrecklich.

Im zweiten Akt fehlt dann jegliches Trockeneis. Und plötzlich vermittelt sich einem dann der radikal-utopische Inhalt dieses Frühwerk Wagners. Erik ist ein bebrillter Bücherwurm im Cordanzug, statt Flinte mit Konfekt und Veilchenstrauß bewaffnet. Keine Herausforderung für den Holländer oder gar Daland, der sich nunmehr wie ein brutaler Zuhälter gebiert und sich nach Sentas Verlobung prompt Marys sexuell “annimmt”. Kein Zweifel – die eigentlichen Untoten sind nicht der Holländer samt Mannschaft, sondern wir, unsere Gesellschaft.

Im dritten Akt steigt der Trockeneisverbrauch wieder an: große Sause samt Burleske-Tänzer, strippendem Steuermann, während wir auf erhöhter Bühne Senta und Holländer liegen sehen. Die hehre Liebe thront über der vergnügungssüchtigen, sich selbst betäubenden Masse. Dann löst sich inkonsequenterweise beim Streit zwischen Senta und Erik ein Schuss, letzterer stirbt – dabei wäre es doch logischer gewesen, einen Mord an Erik als Emanzipationsbestrebung Sentas zu zeigen. Dass dann der Steuermann Daland die Kehle durchschneidet muss man dann nicht nicht wirklich verstehen.

Marcus Bosch interessiert sich bei der Umsetzung der Partitur weniger für das Seelendrama als den inhärenten Soundtrack eines Horrorfilms avant la lettre : laut, krachig, effektvoll, manchmal etwas unrhythmisch klingen die Stuttgarter Philharmoniker aus dem Graben. Solide, gewiss, man hat in Heidenheim aber schon ansprechendere Dirigate vernommen.

Sängerisch hat der Abend jedoch ganz große Klasse und trötet über die vielen szenischen Fragwürdigkeiten hinweg: die jugendliche Mary von Melanie Forgeron sowie der feinstimmige Steuermann von Martin Platz sind trefflich besetzt, gleiches gilt trotz ein paar Vokalverfärbungen zu Beginn für den rollendeckend grob gestaltenden Randall Jakobsh mit polterndem Bass. Vincent Wolfsteiner singt den Erik mit angerautem (sein siebter Erik innerhalb zweieinhalb Wochen), aber frei strömendem Tenor. Eine echte Entdeckung die jugendliche Inga-Britt Andersson als Senta: Schwedenstahl pur, die Tessitura bereitet ihr keine Probleme. Antonio Yangs Holländer ist in allen stimmlichen Lagen sicher zu Hause, das hört man so selten. Wortverständlichkeit und plastische Textgestaltung (Gänsehaut-Feeling beim verzweifelten “Fahr’ hin mein Heil in Ewigkeit) ergänzen ein Porträt, dem man nur dann und wann auch etwas mehr Mut zum Piano wünschen möchte.

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