Das Wunder der Heliane / Freiburg (25.7.2017)

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  • July 26, 2017

“Aufgrund von Erkrankungen mussten beide Hauptrollen in Korngolds „Das Wunder der Heliane“ umbesetzt werden. Statt der Sopranistin Simone Schneider wird die Niederländerin Annemarie Kremer die Titelpartie singen. […] Die Tenorpartie „der Fremde“ wird vom Briten Ian Storey übernommen, der die Rolle eigens für Freiburg einstudiert hat.” So stand es auf der Homepage des  Theaters Freiburg und mit dementsprechend ambivalenten Gefühlen hatte ich mich auf die Reise gemacht……

Das dramaturgisch eher esoterisch anmutende Werk ähnelt in vielerlei Hinsicht der “Frau ohne Schatten”, obgleich Richard Strauss ein kompetenterer Librettist zur Verfügung stand. Erich Wolfgang Korngold hielt seine “Heliane” für sein bestes Werk und es fällt nicht schwer, dies nachzuvollziehen. Die Klangsprache wirkt manchmal hoffnungslos aus der Zeit gefallen, so üppig und schwülstig wie sich weite Teile der Partitur konstituieren.  Dennoch entwickelt das Werk einen unglaublichen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. GMD Fabrice Bollon genießt ganz offensichtlich das Bad in den spätestromantischen Tonwelten und kostet die Dynamik voll aus. Das Orchester legt dabei eine erstklassige Spielkultur zu Tage, die beeindruckt.

Es handelt sich zudem um eine Oper mit unglaublich anspruchsvollen Gesangslinien, die nur die besten Sänger wirklich ansprechend umzusetzen im Stande sein dürften. Daher durfte die Frage erlaubt sein bzw. musste die Frage gestellt werden, warum ein eher kleines Haus wie Freiburg einen derartigen Brocken auf die Bühne des Konzerthauses bringen möchte, selbst nur in konzertanter Form. Wenn selbst kleinere Partien wie die des Pförtners (Frank van Hove mit balsamischen, plastischem Bass),  des blinden Schwertrichters (Nutthaporn Thammathimit hellem, klaren Tenor) und drei der sechs Richter durch Gäste (Anklänge an die Brüder Baraks) besetzt werden müssen, dann ist das fernab jeglicher Ambition, sondern auch ein bisschen musikalischer Größenwahn. Einzig Katerina Hebelkova hält die Flagge des Freiburger Ensembles hoch, indem sie ihre misanthropische Partie der Botin (die “Frosch”-Amme lässt grüßen) mit Gift und Galle im Duktus gestaltet und gleichwohl mit ihrem angenehmen Mezzo singend auf Linie bleibt.

Für die Partie des Herrschers – laut Homepage merkwürdigerweise keine Hauptpartie – griff man ebenso auf eine hausexterne Lösung zurück. Aris Argiris war mir bisher kein Begriff, aber ein Wiederhören wär mir sehr angenehm. Mit autoritärem Bariton macht er die Herrschsucht des Despoten genauso deutlich wie dessen selbstzerfleischende Eifersucht. Zu keinem Zeitpunkt bringen ihn die Klangmassen in Bedrängnis – Chemnitz darf sich auf seinen “Walküren”-Wotan nächste Spielzeit freuen.

Dass Ian Storey “die Rolle eigens für Freiburg einstudiert hat”, ist natürlich ein sehr freier Umgang mit der Wirklichkeit, denn der Brite wird die Partie bereits in zwei Monaten in einer szenischen Produktion in Gent und Antwerpen zum Besten geben. (Laut Operabase war Michael Bedjai vorgesehen gewesen, die Homepage des Theaters verschweigt Namen und Grund der Absage. Merkwürdig.) Storey entpuppt sich leider als Schwachstelle des Abends obgleich er sich als korrekter Sachverwalter seiner Partie präsentiert. Von den drei Sängern der Hauptpartien wirkt Storey mit Abstand am distanziertesten, er klebt an den Noten und kann zu keinem Zeitpunkt das Charisma seiner Rolle verdeutlichen. In den voix mixte-Passage klingt  die Stimme überaus angenehm, leider dominiert überwiegend die von ihm bekannte, verquollene Tongebung, die wahrlich nicht zu Begeisterungsstürmen reißt. Mit Bollons offensivem Dirigat hatte er mit Abstand am meisten zu kämpfen.

Das Bedauern über die Absage von Simone Schneider dauerte ungefähr eine Minute, dann hatte Annemarie Kremer mich mit ihrem dunkel timbrierten Sopran  in der Tasche. Glutvoll in der Tiefe und samtig-verschattet in der Höhe konnte man sich kaum eine bessere Besetzung für diese Partie vorstellen.  Bereits vor einem halben Jahr hatte sie sich in der Wiener Volksoper der Heliane angenommen – und das merkte man nicht zuletzt an der textlichen Durchdringung. Ihr “Ich ging zu ihm” wird daher Dreh- und Angelpunkt eines fulminanten Abends.

Diese “Heliane” – sie war tatsächlich ein Wunder. Auf den Mitschnitt darf man sich freuen.

 

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