Wagner-Gala / Ludwigsburg (22.7.2017)

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  • July 23, 2017

Life’s a bitch – das Leben ist kein Ponyhof, wie es Serienheld Stromberg in der gleichnamigen Serie einst so schön und etwas elegischer formulierte. Wer – wie ich – in freudiger Erwartung der höchstwahrscheinlich nächsten Bayreuther Brünnhilde zum Abschlusskonzert der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele mit Auszügen aus “Siegfried” und “Götterdämmerung” angereist war, der musste emotional umdisponieren.Christine Goerke war kurzfristig erkrankt und das erhoffte Wiederhören nach einer fulminanten “Elektra” vor drei Jahren erfüllte sich daher bedauerlicherweise nicht. Es spricht für den Mut der künstlerisch Verantwortlichen, nicht auf eine altbekannte und routinierte Rolleninterpretin zurückzugreifen. Nein, zum Zuge kam ihre Turandot– und Elektra-gestählte Landsmännin Lise Lindstrom, die ihren ersten Ring allerdings erst vor einem halben Jahr in Melbourne absolviert hatte. Ihr heldentenoraler  Kollege war, wie geplant, der Neuseeländer Simon O’Neill, der ebenfalls erst vor einem halben Jahr als Jung-Siegfried in Hongkong und als “Götterdämmerungs”-Siegfried vor drei Monaten in Houston debütiert hatte.

Das Rennen machte, wenn man es so sagen will, dann doch O’Neill. Die Stimme ist weiterhin nicht wirklich einschmeichelnd, aber das etwas Greinende im Tonfall, das man auf seiner relativen früh erschienene Wagner-CD allzu oft vernehmen konnte, ist einem mittlerweile maskulinerem Timbre gewichen. Die Parlando-Stellen liegen O’Neill (noch) etwas weniger, aber die ausgezeichnet sitzende Höhe, das lobenswerte Legato und – angesichts drückender   Temperaturen – beeindruckender Stamina macht Lust auf ganzheitliche Partien.

Lindstrom beginnt mit einem erschreckend säuerlichen “Heil dir, Sonne” und scheppernder Höhe. Nach zehn Minuten lassen genannte Eigenschaften spürbar nach, ohne jedoch vollständig zu verschwinden. Das ist doppelt schade, denn wenn man sich die nicht weniger starke Höhe (zu irgendetwas waren die ganzen Turandots dann doch gut) und die mädchenhaft-weiche Piani vor Ohren führt, könnte hier in ein paar Jahren eine wirklich erstklassige Brünnhilde herangereift sein.

Das Orchester der Schlossfestspiele ist kein herausragender, aber solider Klangkörper – kleinere Unsauberkeiten beim Blechansatz und minimale rhythmische Wackler sind angesichts des sichtbaren Engagements der Musiker auf der Bühne mehr als verschmerzbar. Pietrari Inkinen leitet die interessante, da bis auf die Pause ohne Unterbrechung verbundene,  Zusammenstellung einzelner Highlights (3. Akt “Siegfried” ohne Wanderer/Erda-Szene gefolgt vom Nornen-Vorspiel, Duett auf dem Brünnhildenfelsen, Rheinfahrt, das instrumentale Hagens “Hier sitz ich zur Wacht” Siegfrieds Tod und Trauermarsch, beschlossen mit den “starken Scheiten”) in erster  Linie auf den Effekt bedacht. Dolby Surround statt Klangmagie oder analytisches Auffächern einzelner Stimmen also – aber dieser etwas altmodisch anmutende Zugang zur Partitur per Überwältigungsstrategie kam bei mir und auch weiten Teilen des lang applaudierenden Publikums gut an.

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