Un ballo in maschera / Mannheim (15.7.2017)

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  • July 16, 2017

Mein letzter Mannheimer “Maskenball” ist mehrere Jahre her. Damals – es war ebenfalls ein “festlicher Opernabend” – sangen Ramon Vargas, Franco Vassallo  und Marianne Cornetti, heuer Riccardo Massi und Sondra Radvanovsky. “Festlich” war das Ergebnis in jedem Fall, auch wenn es gute Gründe gibt, hier und da ein leises “aber” hinzuzufügen.

Benjamin Reiners gelingt es am Pult immer wieder, intensive Momente zu erzeugen, insbesondere beim Losentscheid des Attentäters bleibt einem fast die Luft weg, so angespannt ist die Lage. Das “Eri tu” kurz wurde aber wiederum verschleppt, die Abstimmung mit dem Chor war ebenfalls nicht immer lupenrein. Über weite Strecken überwiegt hingegen solides Repertoirehandwerk. Julia Faylenbogen als jugendliche Ulrica und Nikola Hillebrand als flatterhafter Oscar machen ihre Sache sehr ordentlich, ohne dass sie vom prominenten Umfeld zu Höchstleistungen angetrieben würden. Bei Jorge Lagunes springt der Funke jedoch über – sein Renato braucht sich nicht zu verstecken. Zu Beginn noch zurückhaltend, kommuniziert er im “Eri tu” dann weniger Verzweiflung ob der vermeintlichen Untreue der Gattin, sondern kalte Verbitterung. Ein eindrückliches Seelenporträt wurde da geschaffen – wunderbar !

Mit Riccardo Massi brauchte es eine Weile, bis ich mich mit seinem Gustavo anfreunden konnte. Das lag zum einem an der – nur anfangs – etwas verquollenen Tongebung, die sich aber schnell legte. Zum anderen ist das darstellerische Potential des Italieners beschränkt, vorsichtig ausgedrückt. So läuft Massi in seiner Sterbeszene einfach etwas auf und ab während er sich die Hand an den Bauch hält als leide er an einer Magenverstimmung. Als er Amelia schnell und grob den Schleier über den Kopf streift, wirkt das ungewollt komisch und erzeugte im Publikum naturgemäß Lacher, wo sie nun nicht wirklich angebracht waren. Das Defizit im Schauspiel macht Massi aber durch eine packende Gestaltung mehr als wett. Das fast schon veristisch anmutende gelacht-gesungene “È scherzo od è follia” war klasse, die letzte Phrase vorm endgültigen Exitus schockierend realistisch (sofern man singend sterben kann). Mit seinem idiomatischen Tenor nimmt man Massi freilich von Anfang an ab, dass Amelia sich in diesen Monarchen verguckt.

Sondra Radvanovskys Sopran ist für die Partie der Amelie eigentlich schon ein wenig zu groß. Daher muss im Piano-Bereich der eine oder andere Abstrich gemacht werden, auf ätherische Entzückung à la Anja Harteros wartet man vergeblich. Dafür beeindruckt die Amerikanerin mit umso mehr mit stimmlichen Seelenausbrüchen und einer darstellerischen Präsenz, die das Publikum von Anfang an für sich einnimmt. Und so ist es ihr mit Inbrunst vorgetragenes “Ecco l’orrido campo”, das zum Eisbrecher des Abends wird. Wo viele Sängerinnen im Preludio einfach nur auftreten und auf ihren Einsatz warten, schreitet eine expressive Radvanovsky im Stile einer Stummfilmdiva gehetzt, weinend und suchend die Bühne auf und ab vermittelt auch ganz ohne Gesang das Dilemma ihrer Rolle. Der lange Zwischenapplaus wurde nur noch vom sich anschließenden Duett “Teco io sto” getoppt – hier hat man dann für zehn, fünfzehn Minuten wirklich Musiktheater Güte, die das zahlreich erschienene Publikum glücklich in die Sommernacht entlässt.

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