Callas in Castrop-Rauxel

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  • July 16, 2017

Nein, liebe Callas-Verehrer, la Divina hat ihren Weg nie in die “mittelkleine” Stadt im Ruhrgebiet gefunden, das wäre ja noch schöner. Aber in Zeiten der Landflucht versuchen auch mittelgroße Opernhäuser, den Anschluss an die große, weite Glitzerwelt der Opernsternchen nicht gänzlich zu verlieren. Und so kommt es, dass ausgerechnet auf relativ engem Raum gleich Häuser im Regierungsbezirk Nordbaden – Karlsruhe und Mannheim – schon seit langem die Tradition sogenannter “Operngalas” (Fächerstadt) beziehungsweise “festlicher Opernabende” (Quadratestadt) hoch gehalten wird.

Wer mit dieser Tradition nicht vertraut ist, dem sei sie in aller Kürze dargelegt: anstatt einer regulären Repertoireaufführung mit festen Ensemblemitgliedern dürfen die Besetzungsbüros auf Graf Orlofsky aus der “Feldermaus” machen (“Ich lad’ mir gerne Gäste ein”) und für die Hauptpartien große Namen einkaufen. Das gibt es freilich nicht für umme, weshalb die Kartenpreise spürbar angehoben werden. In Karlsruhe zahlt man statt der üblichen 12 bis 45 schnell 25 bis 111 Euro, in Mannheim erlebt man ähnliche Preissteigerungen: unter 42 Euro (statt der 13 üblichen Euronen) geht nichts, 126 Euro (vormals 74.-) sind für Plätze in der ersten Reihe zu entrichten.

Das hat durchaus seine Vorteile: langjährige Ensemblemitglieder dürfen plötzlich mit Weltstars lieben und leiden – nicht selten wachsen sie  über sich hinaus und behaupten sich auf Augenhöhe. Nicht selten kommen alte Ensemblemitglieder an ihr altes Stammhaus und es gibt ein wunderschönes Wiederhören. Oder arrivierte Sänger probieren in der Provinz eine neue Rolle, um dann in Salzburg oder Paris nicht den ganz großen Druck (Debüt + Presse) zu verspüren. Die Stars werden dabei durchaus erfolgreich in laufende Produktionen integriert – an die Rampe gehen und singen alleine ist da nicht. Insofern wird auch einem szenischen Anspruch durchaus gerecht. An solchen Abenden darf sich die lokale Prominenz zu Recht auf Augenhöhe mit New York, Wien oder München wähnen, zumal auch dort ja längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Es stellt auch deshalb die Frage, ob der Mehrpreis gerechtfertigt ist.  Finanziell dürfte ein solcher Abend für die Buchhaltung lukrativ sein: geht man von zwei Gästen à € 7500.- Abendgage aus und kalkuliert eine Auslastung von 75 Prozent (also jeweils 750 verkaufte Plätze in Mannheim und Karlsruhe), dann sind die € 20.- Mehraufwand schnell wieder drin. Vor gar nicht so langer Zeit sang Jonas Kaufmann in Mannheim den Werther und bereits Luciano Pavarotti sang in den Siebzigern an gleicher Stelle den Duca. Tempi passati.

Denn jetzt kommen wir zu den Problemen:

  • Nicht jeder große Name ist unbedingt ein großer Sänger. Freilich, das ist immer auch Geschmackssache, aber des öfteren sind Operngalas eben bestenfalls stimmliche Resteverwertung. Bestes Beispiel: Deborah Polaski vor ein paar Jahren als Ortrud in Karlsruhe. Und die wirklich großen Sänger haben in der Regel genug zu tun und müssen nicht nach Karlsruhe oder Mannheim, obgleich es immer Ausnahmen gibt. Beispiel: der “Parsifal” in Mannheim nächsten April mit René Pape.
  • In Mannheim singt im Dezember in der festlichen “Norma”-Gala Dmytro Popov den Pollione. Adalgisa und Norma kommen aus dem Ensemble. Nix gegen Herrn Popov, aber rechtfertigt das doppelt-dreifache Preise ? Wohl kaum.
  • In Karlsruhe fiel gestern bei der “Clemenza”-Gala der Sänger der Titelpartie krankheitshalber aus. Das kommt vor, Stars können auch bei Produktionen an großen Häusern erkranken (Jonas Kaufmann), schwanger werden (Diana Damrau), aus Gründen der Eitelkeit abreisen, sofern sie überhaupt angereist sind (Angela Gheorghiu) oder für Auftritte vor homophoben Potentaten Osteuropas bestehende Verträge ignorieren (Anna Netrebko). Nun brachte das KBB gestern statt Toby Spence Jesus Garcia auf die Bühne. Den kennen Sie nicht ? Nun, der kommt aus dem Ensemble und hatte bereits die Premiere vor einer Woche gesungen. Solide, gewiss, aber für Anna Bonitatibus alleine doppelt-dreifache Preise ? (s.oben)
  • Am ärgerlichsten ist jedoch die intransparente Kommunikationspolitik der Häuser. Beim gestrigen “Maskenball” in Mannheim war ursprünglich Hui He angekündigt gewesen, weswegen ich keine Karte gekauft hatte. Dann hieß es plötzlich: Sondra Radvanovsky und Marcello Alvarez. Klasse, dachte ich mir, dann musst du ja nicht nach Zürich fahren, wo die beiden ihre Partien bereits im Juni sangen. Denkste – ein zu später Blick auf die Homepage Alvarez’ ließ Zweifel am Erscheinen des großartigen Tenors aufkommen. Und so stand dann prompt Riccardo Massi auf der Bühne. Manchmal würde man schon gerne wissen, was da schief läuft, denn hier handelt es sich bedauerlicherweise um keinen Einzelfall. Oder steckt da sogar System dahinter ? Da kann auch das Glas Gratissekt beim Ausgang nicht vollumfänglich darüber hinwegtrösten.
  • Besonders ärgerlich ist die Situation in Karlsruhe – dort stehen zwar die Aufführungstermine der Galas fest, nicht jedoch die Besetzung. Und so “muss” der Abonnent, will er seinen angestammten Platz nicht verlieren, sein Anrecht notgedrungen verlängern. Allein, das Interesse an den Galas hat, in Karlsruhe jedenfalls, derart nachgelassen, dass auch ein kurzfristigerer Kartenkauf machbar ist. Kundenbindung sieht trotzdem anders aus.

 

 

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