Aureliano in Palmira / Bad Wildbad (14.7.2017)

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  • July 15, 2017

“Das palmyrische Reich der Königin Zenobia wurde vom römischen Kaiser Aureliano erobert. Zenobia liebt den persischen Prinzen Arsace, der auch ihr Kampfgefährte ist. Aureliano ist fasziniert von ihr, nimmt Arsace fest und….” Ach, Wikipedia, jetzt seien wir doch mal ehrlich, Rossini-Opern hört man sich nicht wegen raffinierter Plots oder intellektueller  Libretti an. Nein, es ist die Gesangskunst, jenes sagenumwobene bel canto, das einen Rossini so einzigartig machen kann. Das setzt jedoch angesichts der angedeuteten Ermangelung raffinierter Plots oder intellektueller Libretti eine zumindest passable Regie und formidable Sänger voraus.

Eine Regie gibt es in dieser konzertanten Aufführung nicht – Häkchen gesetzt, Problem eins gelöst. Passende Sänger zu finden ist hingegen kein Leichtes, zumal Intendant Jochen Schönleber den einen oder anderen Sänger durch ein unangenehm-peinliches Datenleck mittelfristig zumindest irritiert haben könnte. Glücklicherweise hatten veröffentlichte Äußerungen über “üppige Sängerinnen” keine hörbare Auswirkung auf die stimmliche Darbietung – die war nämlich so gut wie seit langem nicht mehr.

Sieht man von zwei “Zeitschinder”-Arien (Ana Victoria Pitts als Publia; Baurzhan Anderzhanov als Sacerdote) ab, gibt es in dieser ursprünglich gefloppten Oper nur drei große Partien. Wildbad griff für “Rossinis einzige Oper für einen Kastraten” (Homepage der Festspiele) nach der ersten Produktion 1996 nun auf einen Mezzosopran anstatt eines Conutertenors zurück – eine merkwürdig antizyklische Besetzungspolitik, wenn man sich den aktuellen “Counterhype” vor Ohren führt. Auch wenn die Besetzung des Arsace mit einer Sängerin weniger meinem persönlichem Gusto entspricht, so ist an Marina Viotti herzlich wenig auszusetzen. Üppig ist hier allein die Stimme, die warm und frei fließt, in den mit Koloraturen gespickten Duetten beeindruckt die rhythmische Präzision. Angesichts der stimmlichen Potenz der beiden anderen Hauptpartien wäre ein Conuntertenor – das muss man ehrlich sagen – ziemlich untergegangen, denn Silvia Dalla Benetta betont bei ihrer Zenobia weniger die liebende Königin, sondern die Feldherrin. Martialisch ruft sie zum Krieg, benötigt angesichts eines Norma-Soprans etwas mehr Zeit für die Allegro-Stellen als leichter besetzte Stimmen. Mit den von mir so erhofften Spitzentönen geht sie allerdings ein wenig sparsam um, was aber die Leistung keinesfalls schmälert. Die Entdeckung des Abends war für mich der Aureliano von  Juan Francisco Gatell. Kein leichtgewichtiger tenore die grazia ist hier zu hören, sondern ein baritenore – also ein abgedunkelter Tenor, der jedoch eine Bombenhöhe aufweisen kann. Parallelen zum jungen Gregory Kunde können angesichts der fulminanten Darbietung gezogen werden. Von diesem Sänger würde ich gerne mehr hören !

Getragen wurde der Abend wie so oft in Wildbad von den Virtuosi Brunenses unter der individuellen Handschrift von José Miguel Pérez-Sierra. Gefühlt jede vierte Oper Rossinis eröffnet ja mit der “Barbier”-Ouvertüre – nur klingt sie hier so gar nicht komödiantisch-schalkhaft, sondern durch fließendere Übergänge weit dramatischer als man sie sonst zu kennen meint. Und ganz nebenbei: die solistischen Stellen hört man an größeren Häusern vielleicht ähnlich gut, aber dennoch nicht so herzhaft und beschwingt.

Kurzum: Wildbad ist gut in den Sommer gestartet. “Maometto” und  “Eduardo e Cristina” dürften es nicht ganz leicht haben, das Niveau zu halten…

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