La clemenza di Tito / Karlsruhe (8.7.2017)

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  • July 9, 2017

Co-Produktionen sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können sie disziplinierende Wirkung auf besonders abgehobene Regisseure haben, andererseits werden sie den spezifischen Sehgewohnheiten vor Ort nur bedingt gerecht. In Karlsruhe konnte man in der letzten Saisonpremiere beides erleben.

Patrick Kinmonth zeichnet sich für Bühne, Kostüme und Regie verantwortlich und hat sich dabei ein bisschen überschätzt – oder meinetwegen auch übernommen. Und so kommt es, dass letzteres zu oft unter den Tisch fällt, während die Ausstattung durchaus überzeugt. Kinmoths Rom besteht aus einem Triumphbogen, ein paar Steinquadern und einem römischen Bad, in welchen die Charaktere Kleidung mit Tarnmuster tragen, allerdings unterschiedlichen farblichen Kombinationen. Das hat bestimmt eine tiefere Bedeutung, aber welche ? Nein, was den Abend wirklich etwas in die Länge zieht, ist die Weigerung der Regie, sich mit den Charakteren auseinander zu setzten. Ist dieser Titus denn nun ein humanistischer Revolutionär oder ein pathologischer Konsensfanatiker ? Auch der (angesagte) Jesus Garcia kann das nicht so recht deutlich machen, auch wenn die bronzene Stimmfarbe und das heldische Material solide Verwendung finden, obgleich die Stimme beim “Se all’impero”in der Höhe etwas verengt.  Nun, weder noch – das eigentliche Drama entsteht und dreht sich um den unglücklich verliebten Sesto. Dilara Bastar beeindruckt mit einem ungemein wendigen, herben Mezzo und macht sich die Hosenrolle auch darstellerisch zu eigen. Die junge Türkin erhält zu Recht am Ende des Abends den meisten Applaus.  Katherine Brodericks Sopran besitzt für die Vitellia nicht ganz die nötige Tiefe, aber eine warme Mittellage und bei den Koloraturen eine durchaus rollendeckende, da schneidende Höhe. Ihr Selbstmord am Schluss bleibt aber so fragwürdig wie das kindische Zerbrechen und Schmollen des (Priester-)Stabs von Renatus Meszar als Publio – für den Karlsruher Wotan vom Dienst eine eher ungewohnte Partie, welcher sich dieser aber mit Achtung entledigt. Das eigentliche Liebespaar bleibt ebenfalls szenisch blass, dabei gibt es nichts ans Uliana Alexyuks sympathisch-unbedarfter Servilia oder gar an dem beachtlichen Annio von Kristina Stanek auszusetzen.

Nein, was dem Abend wohl am meisten Energie raubte, war eine phasenweise uninspirierte, antiklimaktische Erzählweise. So erscheinen bei irgendeiner Arie im Hintergrund drei mit Lendenschurz bekleidete Jünglinge, steigen in besagtes Bad und – ja was eigentlich ? Aus der Ferne sah es fast so aus, als spielte sie “Schere, Stein, Papier”. Dann gehen sie irgendwann wieder. Die Soldaten, die den flüchtigen Sesto verhaften, erscheinen später ohne Hast und Dringlichkeit, selbst am Ende des ersten Aktes senkt sich kein Vorhang, so dass sämtliche Sänger, inklusive des bestens disponierten Chors, auf offener Bühne zeitgleich mit dem Publikum in die Pause gehen. Das ist schon ziemlich dilettantisch, höflich ausgedrückt und könnte die Buhrufe erklären – die Ursache der Bravorufe mag die Tatsache sein, dass man nach so mancher fragwürdigen Inszenierungen wieder etwas mehr logische – nicht jedoch emotionale – Plausibilität auf der Bühne erleben durfte. Und so wird es bei weiteren Aufführungen wohl auf die Rollenerfahrung der Sänger ankommen, inwieweit  sich diese dann in die Inszenierung einzubringen vermögen (und wollen).

Das ist doppelt schade, denn im Graben stand mit Gianluca Capuano ein renommierter Dirigent aus der Tradition der historisch informierten Aufführungspraxis. Bereits die Ouvertüre drückte in ihrer Agonie, ihrem Schwanken zwischen Gehetztsein und optimistischen Hoffen mehr Emotionen aus als die gesamte Szene. Den ganzen Abend über kommen die einzigen Impulse – sieht man einmal von Dilara Bastar ab – aus dem Graben, insbesondere von der Klarinette. Das hatte wirklich mehr als die übliche Staatstheaterqualität, was da zu hören war; fast könnte man von Plattenqualität sprechen, so vernehmbar wie die Streicher  schrammten und Blech röhrte- allerdings nie auf vordergründigen Effekt bedacht sondern stets im Sinne der musikalischen Dramaturgie.

Fazit: Mit erfahreneren, routinierteren Sängern, die ihr Ding ohne Rücksicht auf die Intentionen der Regie durchziehen, hätte der gestrige Abend durchaus gut sein können, da diese die Leerstellen der Regie eher hätten füllen können. Ohne einen Dirigenten vom Kaliber Capuanos dürfte dieser “Titus” aber an jedem erdenklichen Ort eine besonders zähen Angelegenheit werden. In Montpellier wie in Sankt Gallen.

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