La damoiselle élue+Jeanne d’Arc au bucher / Frankfurt (30.6.2017)

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  • July 1, 2017

890 Millionen Euro soll die Sanierung des Frankfurter Opern- und Schauspielhauses kosten. Wer an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens zweifelt, dem sei ein Besuch des aktuellen Projektes vor Ort erlebt: zwar habe ich die Oper Frankfurt selten so leer erlebt (glücklicherweise der Ausnahmezustand), allerdings stellt die Koppelung der knapp zwanzigminütigen Kantate “La damoiselle élue” von Claude Debussy mit dem  dramatischen Oratorium über die heilige Johanna von Orléans des Schweizers Arthur Honegger  einen weiteren Volltreffer der ambitionierten Intendanz Bernd Loebes dar.

Der konnte für die Sprechpartie der französische Nationalikone die französische Starschauspielerin Marion Cottilard gewinnen. Die musste schwangerschaftsbedingt absagen. Meine anfängliche Skepsis bezüglich der Umbesetzung war jedoch voreilig, denn Johanna Wokalek war keine Lückenbüßerin, sondern eine erstklassige Alternative. Sieht man von ein, zwei kleinen Minimalfehlern ab, war das Französisch nicht nur tadellos, sondern wunderbar anzuhören. Wokalek malt mit ihrer Stimme in allen möglichen Farben das Porträt einer jungen Frau, die zwischen Heroismus, Verzweiflung, Gottergebenheit und Rebellion schwankt. Eine wirklich beklemmende, atemberaubende Darbietung, vor allem im Zusammenspiel mit dem resignativen Frère Domique des Sébastien Dutrieux, der als Johannas Ansprechpartner dient. Zum Singen kommt in erster Linie der in musikalischer wie darstellerischer Hinsicht hervorragende Chor, inklusive tollem Kinderchor. Bei den Soli bleibt vor allem Peter Marsh als Porcus mit seinem prägnanten Tenor in Erinnerung, den er bei dem Prozess gegen Johanna zum Einsatz bringt. Elizabeth Reiter und Katharina Magiera können als Heilige Margaretha bzw. Katharina in ihren kurzen Szenen das endlose Warten der Titelheldin auf den Scheiterhaufen durch stratosphärische Klänge verkürzen, bereits in der vorangestellten Kantate Debussy zeigten sich beide als Auserwählte und Erzählerin von ihrer besten Seite.

Wer befürchtet hatte, dass  sich Àlex Ollé vom katalanische Künstlerkollektiv La Fura dels Baus in bloßer Bebilderung begnügen würde, der hatte zwar Recht behalten – aber angesichts des optisch beeindruckenden Bühnenbildes von Alfons Flores war man doch ganz froh, dass von allzu vordergründige Aktualisierungen Abstand genommen worden war. Allerdings hätte man sich bei den Szenen mit Johanna und Dominique dann doch etwas mehr Personenregie gewünscht, so hervorragend die Texte auch rezitiert wurden.

Im Orchestergraben gelingt es Marc Soustout, einen breiten Bogen zwischen dem spätromantischen Debussy und der klassischen Moderne Honeggers zu schlagen. Die instrumentale Einleitung des Abends zog die Zuschauer sofort in ihren Bann, die Herausarbeitung der manchmal disparat wirkenden Stimmen gelang hervorragend. Das Publikum spendete trotz geringer Anwesenheit enthusiastischen Beifall.

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