Siegfried / Karlsruhe (10.6.2017)

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  • June 11, 2017

Wer hätte das gedacht ? Nach einem “Rheingold“, das gleich den ganzen “Ring” im Schnelldurchlauf erzählen wollte und einer “Walküre“, die sich in ihrer Monumentalität selbst genügte, folgte nun mit Thorleifur Örn Arnarssons Sicht auf den “Siegfried” eine überwiegend abwechslungsreiche, phasenweise sogar spannende Fortsetzung. Dabei sah es auf den ersten Blick so aus, als wolle die Bühne (Vytautas Narbutas) nahtlos an den Vorgängerabend anknüpfen, sieht man doch eine riesige, heruntergekommene Halle samt tarnnetzverhangener Balustrade und die im Hintergrund schwebende, entglaste Reichstagskuppel, die sich dann am Schluss über das Liebespaar senken wird. An den Wänden wimmelt es von Plunder wie Ritterrüstungen, Speeren, Wanduhr, Kühlschrank, Müllfäßer – die Vergangenheit lastet spürbar auf den Charakteren. Erst im dritten Akt wird Siegfried dann die Tapeten abreißen und die Wände zur Seite schieben um den Blick auf den Brünnhildenfelsen und somit endgültig den Weg für die “Götterdämmerung” im Oktober in der Regie von Tobias Kratzer freizumachen.

Dass einem die Optik nicht langweilig wird, das liegt auch an der geschickten Beleuchtung von Björn Bergsteinn Guðmundsson, welche den Einheitsraum äußerst vielfältig in Licht zu rücken vermag. Das isländisch angehauchte Team um Arnarsson nähert sich der mythischen Handlung mit einer interessanten Mischung aus Naivität – die Zwerge sehen hier tatsächlich wie Zwerge in Fantasy-Filmen aus (Kostüme: Sunneva Ása Weisshappel) und entsteigen aus der Kanalisation oder dem Kühlschrank – und klassischem “Regietheater”. So albert Siegfried in der Wandererszene pausenlos mit dem Waldvöglein herum und bespritzt Wotan respektlos mit Wasser. Das mag so manchen alteingesessenen Wagnerianer um mich herum irritiert und auch Buhrufe beim Schlussapplaus provoziert haben, aber bei genauem Hinsehen fällt auf, dass Siegfried hier plötzlich im gleichen Weiß gekleidet erscheint wie sein ihm unbekannter Großvater. Siegfried ist in dieser Inszenierung ein Suchender, unentwegt wechselt er die Kostüme – anfangs als Bär, dann als Comichelden (Superman, Teenage Ninja Turtles), im zweiten Akt beim Mord an Fafner und Mime plötzlich als Skelett/Tod. Sein Ziehvater hingegen hat hier wirklich nicht die geringste Sympathie für den quasi-adpotierten Halbstarken und Wotan beobachtet das Geschehen im ersten und zweiten Akt von einem monitorbehängten Raum auf Höhe des Orchestergrabens, den er dann im Merlin-Kostüm verlässt um incognito durch die Welt zu streifen. Auch bei der Personenführung gibt es einige schöne Momente, wie das fast Mutter/Kind-artige Anschmiegen zwischen Brünnhilde und Siegfried (“Du wonniges Kind! Deine Mutter kehrt dir nicht wieder”), allerdings auch immer wieder Enttäuschendes (quasi nicht-vorhandener Drachenkampf) und Leerlauf. So mag es für den Siegfried von Erik Fenton angenehm gewesen zu sein, das komplette “Selige Öde auf sonniger Höh” an einem Tisch sitzend zu singen, aber da erwartet man doch etwas mehr als altbackenes Steh- bzw. Sitztheater….

Wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht, dann war dies die bisher am kontroversesten aufgenommene Premiere des “Ring”-Projektes. Aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar, da hier der Regisseur dem Werk keine absurden Ideen aufzwängt, aber dennoch dann und wann die ausgetretenen Pfade bewusst verlässt, immer jedoch auf den Weg zum Ziel zurückfindet. Umjubelt wurde hingen die musikalischen Leistungen, vor allem von GMD Justin Brown. Auch wen ich mir manche Parlandostellen etwas leichter, scherzo-hafter gewünscht hätte, sucht und findet Brown das Drama in der Partitur. Sieht man kleinen Konzentrationsschwächen des Orchester im dritten Akt ab, so vernimmt man einen romantischen Klang, der jedoch nicht auf Transparenz verzichtet – man höre allein auf das Vorspiel zum ersten Akt wo das Grübel-Motiv dialogisch im Orchester aufgefächert und deutlich gemacht wird, das hier eben nicht nur Mime, sondern der genauso anwesende Wotan einen Weg aus der Klemme sucht. Einen eignen Bühnenauftritt im Papageno/Clown-Kostüm bekommt übrigens der bestens disponierte Dominik Zinsstag als Solohornist. Der kommt allerdings erst dann zum Vorschein als Siegfried auf dem verstimmten Klavier vergeblich Kontakt zum Waldvöglein aufnehmen möchte. Selten hat man diese Partie so gut gehört wie von Uliana Alexyuk, welche die richtige Mischung aus Klarheit der Koloraturen und Wärme in der Stimme findet – und das auch noch zu einem Großteil der Zeit über der Bühne schwebend. Die Erda von Katherine Tier klang für mich überraschend akzeptabel, sieht man von einem “Meineid” ab, das an einen freigelegten Nerv beim Zahnarztbohren erinnert. Avtandil Kaspeli gibt einen fast schon zu edlen Fafner, Jaco Venter holt als raubeiniger Alberich alles aus seinem kurzen Auftritt heraus.

Seinem Bühnenbruder gehörte jedoch die Gesangskrone des Abends. Matthias Wohlbrecht hatte die Partie ja schon in der letzten Premiere interpretiert und glänzt nun noch mehr durch Verständlichkeit und Auslotung der Wagnerschen Stabreime. Gelegentlich deklamiert Wohlbrecht, nur um gleich darauf, fast schon liedhaft zu singen. Oder hat man je ein so anrührend vorgetraegens “Einst lag wimmernd ein Weib” gehört ? Renatus Meszar legt hier seinen bisher besten Wotan hin.Man könnte glauben, dass Meszar wie der Wanderer befreit von aller Last umso kraftvoller, autoritärer aussingen kann als an den beiden vorherigen Premieren. Vor allem die stabile Höhe imponiert, wenn man bedenkt, dass der Sänger eigentlich dem Bassfach entspringt.

Heidi Melton gab erneut die Brünnhilde – und erneut beeindruckt das warme Legato, die zarten Piani (“ewig war ich, ewig bin ich”) und ein kontrolliertes Vibrato. All die Verdienste werden aber immer wieder von einer problematischen Höhe ausgebremst. Man merkte Melton an, dass sie erleichtert war, die exponierten Stellen (“leuchtender Spross”; “lachender Tod”) bewältigen zu können, aber ich würde in Folgevorstellungen nicht drauf wetten, zumal schon bei weit weniger anspruchsvollen Lagen (“Leben der Erde”) die Stimme bedenklich ins Schwimmen geriet. Unabhängig davon wäre eine weniger amerikanische Aussprache (regelmäßig “nischt” statt “nicht”) wünschenswert.

Erik Fenton hatte sich in seinem Rollendebüt  die Kraft gut eingeteilt und konnte auch im dritten Akt seiner Bühnenpartnerin Paroli bieten ohne ein anything you can sing I can sing louder zu provozieren. Vor zehn Jahren hatte Lance Ryan an gleicher Stelle in dieser Partie debütiert und den Grundstein für eine beachtliche Weltkarriere gelegt. Ich glaube zwar nicht, dass sich Geschichte wiederholt, aber Fenton hat sich mehr als nur achtbar geschlagen und sich für Häuser ähnlicher Größenordnung nachdrücklich empfohlen. Die Stimme besitzt einen authentischen baritonalen Sitz, eine stabile, wenn gelegentlich auch kurz angebundene Höhe. Fenton spielt diesen Teenager in seiner rotzigen Selbstfindungsphase stets glaubwürdig und holt stimmlich (vor allem in dynamischer Hinsicht) und textlich mehr aus der Partitur  heraus als so mancher Siegfried-Veteran. Einziger Schwachpunkt ist eine gewisse Schwerfälligkeit in der Stimmführung, worunter die zügigen Parlandopassagen, insbesondere im ersten Akt leiden. Die klingen nämlich deutlich leiser als die strophenartig konstruierten Schmelz- und Schmiedelieder oder die erotisch aufgeladenen Ausbrüche am Ende (“sei mein”), wo die Stimme dann endlich  ausreichend Raum besitzt und das Auditorium angemessen zu füllen vermag.

 

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5 Comments

  • Hans Rong says:

    Da müssen sie in einer anderen Vorstellung gewesen sein!
    Daß Siegfried Wotan mißhandelt – ob das wirklich der Weisheit letzter Schluß mag dahiongestellt bleiben – aber daß hat mich ‘alteingesessenen Wagnerianer’ nicht irritiert, das war sogar etwas Futter zum nachdenken.
    Aber völlig ärgerlich war die Regieverweigerung über weite Strecken. Drei Waldvögel, zwei Nornen (wo war die dritte?), das Waldhorn eine eigene Rolle, usw. Sowas heißt – Schrecken der Schrecken – ‘Regieeinfall’. Aber wo war die Lösung der Bühnen- und Handlungsprobleme des Siegfried: Das Schmieden des Schwertes (rumgestanden), der Drache und der Kampf mit ihm (rumgelaufen, Schwert in die Decke geschoben), die Erweckung Brünhildes (rumgesessen), die Beziehung zu ihr, in der Siegfried erwächst (beide rumgestanden)! Ein wenig Videoquatsch ersetzt keine Regie, kein Durchdringen des Werks.
    Und die knallharten Bühnen-Forderungen Wagners einfach zu ignorieren, das ist Arbeitsverweigerung.
    Darum ist die Inszenierung durchgefallen. nicht nur bei ‘alteingesessenen Wagnerianern’.
    Grüße
    Hans

    • admin says:

      Hallo Hans,
      und danke für Ihren Kommentar.
      Allerdings glaube ich, dass wir in der selben Vorstellung gewesen sind.
      Ich kann ja nicht sagen, warum gebuht wurde, sondern lediglich feststellen, dass gebuht wurde. In meinem Umfeld saßen alteingesessene Wagnerianer, da habe ich unter anderem den genannten Kritikpunkt aufgeschnappt. Mehr nicht. Die Beiläufigkeit bestimmter dramatischer Wendepunkte im Werk (Erweckung Brünnhildes, Drachenkampf) habe ich ja erwähnt. Allerdings waren bei der Brünnhildenszene durchaus interessante Kleinigkeiten zu beobachten – auch hier habe ich exemplarisch eine erwähnt.
      Im übrigen stellt das Ignorieren der “knallharten Bühnen-Forderungen Wagners” keineswegs “Arbeitsverweigerung” dar, solange etwas anderes gezeigt/getan wird. Ob es einem dann gefällt, das steht wiederum auf einem anderen Blatt. Allerdings ist dies genau die Art von Argumentation, die ich von Altwagnerianern des öfteren höre.
      Beste Grüße,
      Florian

  • hans Rong says:

    Lieber Florian,
    …ich ziehe die Bemerkung mit den verschiedenen Vorstellungen wegen Abgegriffenheit bedauernd zurück – und danke für die freundliche, ernsthafte Antwort.

    Was ist eigentlich ein ‘alteingesessener Wagnerianer’? Träumt er von Hörner-Helmen, Bärenfell-Kostümen und Trinkhornreicherinnen?
    Oder geht auch ein 1976 von Chéreau sozialisierter Wagnerfreund? Damals sehr ausgebuht der Ring – vier Jahre später bejubelt. Das war modernes Regietheater, und hat jede Forderung der Partitur (Bühnenanweisungen) versucht umzusetzen. Erzählt die Geschichte stimmig, nicht beliebig sondern vertiefend – und ist nicht umsonst zu einem Maßstab geworden, an dem sich Nachfolgendes zu messen hat.
    Das gilt übrigens nicht nur für Wagner-Regie – das ist eine Forderung, die ich an jede Regiearbeit stelle! Umdeutungen, Handlungsänderungen oder nicht darstellen einer Bühnenforderung müssen sich m.E. rechtfertigen – und einer tieferen Deutung des Stoffs dienen.
    So leidet die großartige Stuttgarter Götterdämmerung am Ende: Brünhildes Schlußgesang und das Orchesternachspiel werden auf leerer Bühne mit der projizierten Regieanweisung Wagners illustriert – lesen statt schauen. Schade.

    Ebenso schade wie die Nichtdarstellung mancher Schlüsselszenen im Karlsruher Siegfried. In eine Tonne starren fegt kein Schwert. Von Brünhilde träumen läßt keinen Mann erwachsen. Und einen Drachen tötet man nicht, indem man ein Schwert in eine Holzdecke steckt. Da war Chéreau weiter – und manche Inszenierung, die danach kam z.B. Wien, Stuttgart, Berlin …. München nicht zu vergessen!

    Da kann nur das Karlsruher Bühnenbild für 2 1/2 Akte mithalten. Aber die Personenregie und die (meinetwegen Um-)Deutung einiger Schlüsselszenen kann nicht überzeugen. Und an manche Szene glänzt sie durch Abwesenheit.

    Eine vertane Chance in einem doch so spannend angelaufenen Ring-Projekt. Was übrigens mit ein wenig Nacharbeit leicht zu versöhnen wäre.

    Viele Grüße

    Hans

    • admin says:

      Was ist ein “Altwagnerianer” ? Gute Frage. Bestimmt nicht das selbe wie ein Plüsch-Wagnerianer. Der fordert tatsächlich Flügelhelme, Bärenfelle, und sonstigen altgermanischen Plunder. Ein Altwagnerianer ist in meiner Wahrnehmung jener Wendegewinner, der den von Ihnen bereits erwähnten Chérau-Ring 1976 ausbuhte und ihn dann 1980 lobte. Und zwar nicht einmal deshalb, weil man plötzlich davon überzeugt war, sondern weil man hoffte, das dies nun wirklich die letzte Grenzüberschreitung eines Regisseurs darstellt und nun bitte schön Ruhe herrscht, was “Umdeutungen, Handlungsänderungen” betrifft. Ob Sie sich selber dieser Kategorie zugehörig fühlen – das wissen Sie am besten. Der Chérau-Ring war in den Achtzigern gewiss “state of the art” – heute wirkt er auf mich solide gearbeitet, aber so gar nicht ikonoklastisch. Theaterwerke müssen regelmäßig neu befragt werden, auch wenn uns die Antworten so manches Regisseurs nicht behagen. Eine Inszenierung, die über 35 Jahre alt ist, kann für mein Dafürhalten nicht mehr auf dem neuesten Stand sein.

      Sie führen zahlreiche andere Inszenierungen an. Die Stuttgarter “Götterdämmerung” fand ich toll, gerade auch wegen des von Ihnen inszenierten Schlussbildes. Wo nun für den einen eine Verfremdung beginnt, ist bei so manchem schon eine Verzerrung erreicht. Wer weiß das schon ? Regieanweisungen sind aus meiner Sicht nicht die Bibel – sie sind flexibel zu handhaben.

      Wenn ich Ihren Beitrag richtig deute, dann sind Sie mit den Karlsruher Produktionen von “Rheingold” und “Walküre” zufrieden gewesen (“so spannend angelaufen”). Ich sehe dies ausdrücklich nicht so. Aber das macht ja auch nichts. Vielleicht haben wir einfach zu unterschiedliche Ansichten, was nun eine Inszenierung gelungen macht oder auch nicht. Meine Sicht ist bestimmt nicht “besser” als Ihre. (Und umgekehrt.)

      In diesem Sinne hoffen wir beide bestimmt auf eine tolle “Götterdämmerung” in Karlsruhe. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass wir beide gleichermaßen angetan sein werden, gering sein wird.

      Beste Grüße,
      Florian

  • Hans Rong says:

    Sie haben Recht: Die Stuttgarter ‘Götterdämmerung’ ist großartig! Wenn ich nur an den Auftritt Siegfrieds/Gunthers in Brünhildes Idyll, der fallende bauerntheater-Kitsch-Hänger und der Durchblick in die Gibichungen-Welt. Ein Rührkuchen, der zum Dingsymbol einer Verzweiflung wird.
    Nur, wie erwähnt, mit dem Schlußbild kann ich nicht einig werden….
    Vielleicht habe ich auch zu lange an der Oper gearbeitet, um nicht sehr streng mit den Regisseuren zu sein. Ich habe gute Handwerker, großartige Künstler und elende Blender kennengelernt – und wenn ich heute nur noch als Besucher unterwegs bin, dann schätze ich mal, daß diese Typologie weiterhin gültig ist.
    Sie haben ein weiteres mal Recht: kaum werden wir je das gleiche Urteil über eine Aufführung fällen (Parsifal in Mannheim?). Wie schön! Ich freue mich, wenn es recht ist, auf manchen weiteren Gedankenaustausch.

    Gruß
    Hans