Aida / Ulm (6.6.2017)

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  • June 7, 2017

Seth, der altägyptische Gott des Wetters, hatte ein Nachsehen. Denn trotz Windes und niedrigen Temperaturen sorgte das Ausbleiben von Regengüssen für eine problemlose  Durchführung der “Aida”, der zweijährlichen Open-Air-Produktion des Ulmer Theaters. Unter den überdachten Tribünen fanden sich jedoch erschreckend wenig Zuschauer ein – grob über den Daumen gepeilt würde ich eine Auslastung von ca. einem Drittel schätzen. Das ist besonders schade, da eine tadellose Produktion zustande kam – für Ulmer Verhältnisse darf man sogar von einem kleinen Sängerfest auf der Wilhelmsburg sprechen.

Diese bietet durchaus Anknüpfpunkte zu Verdis populärem Spätwerk, handelt es sich doch wie bei den Pyramiden um ein Bauwerk monumentaler Ausmaße und letztlich wenig relevanter Verwendung. Operndirektor und Regisseur Matthias Kaiser integriert die Wilhelmsburg in die Inszenierung und versucht erst gar nicht, ägyptisches Flair vorzugaukeln. Er belässt es gerade einmal bei den Kostümen der Priester bei Andeutungen, ansonsten dominiert eine vom Militär geprägte Gegenwart. In den kammerspielartigen Szenen wirken die Sänger trotz großer Bühne nie verloren, die Massenszenen sind dankenswerterweise keine Materialschlachten. Kaiser zeigt Ägypter wie Äthiopier gleichermaßen als Opfer einer abgehobenen Priesterkaste – der Triumphmarsch wird dialektisch als Totenfeier gedacht und gezeigt, indem riesige Skelette samt Gasmasken mithilfe von Puppenspielern das Ensemble flankieren. Des einen Sieg ist immer des anderen Niederlage……

Dank einer guten Aussteuerung vernimmt man das in der Festung spielende und über Lautsprecher zugeschaltete Orchester unter der Leitung von GMD Timo Handschuh als ungewohnt luizide im Klang, die im Großen Haus so trockene Akustik steht hier dem Klang endlich einmal nicht im Weg. Klar, auch die Pianissimi müssen mindestens als Piano verstärkt werden und auch die Fortissimi klingen stets gepflegt, aber diese elektronische Regression zur Mitte ermöglicht es, die Konzentration beim Großteil des Publikums aufrecht zu erhalten.

Wie schon angedeutet, hat man sich bei der Besetzung nicht lumpen lassen und hervorragende Gäste in den jeweils doppelt besetzten Hauptpartien verpflichten können, wobei die Hausbesetzungen (Kwang-Keun Lee als unbeugsamer Amonasro und Martin Gäbler als autoritärer Ramfis) keinesfalls von schlechten Eltern sind. Gut disponiert waren ebenfalls der Chor und Extrachor, insbesondere bei den düsteren Passagen aus dem Off. In der besuchten Vorstellung beeindruckte die Amneris von Marlene Lichtenberg durch pastose Tiefe. Ihr Aufbegehren gegen die Theokratie zeichnete sich durch kontrollierten Furor und stabile Höhe – die zwischenzeitlich etwas aus dem Ruder zu laufen drohte – aus. Eric Laporte, kein besonder intensiver Darsteller, verlegt sich auf ein in erster Linie stimmlich ansprechendes Porträt des Radames. Der Frankokanadier, der in Ulm bereits als Calaf, Lohengrin und Werther überzeugte, fügt der Liste Ulmer Erfolge einen weiteren hinzu, indem man selten Kraftanstrengung, dafür aber viel Schmelz und sogar ein angenehm decrescendierendes h am Ende der “Celeste Aida” vernehmen konnte.  Dass Radames angesichts der famosen Aida von Valda Wilson jegliche Staatsraison fahren lässt, ist hingegen sehr nachvollziehbar. Selbst bei den verzweifelten Ausbrüchen klingt der Sopran der Australierin stets mädchenhaft, ihr “ciel” in der letzten Szene wahrlich himmlisch.

Es ist dieser Produktion zu wünschen, in Zukunft vor weit mehr Zuschauern zu spielen.

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