Ariodante / Salzburg (5.6.2017)

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  • June 6, 2017

Mit großen Ovationen endeten gestern die diesjährigen Pfingstfestspiele. Wer keine (finanzierbare) Karte für eine der beiden Aufführungen ergattern konnte, sollte sein Glück bei der Wiederaufnahme den diesjährigen Sommerfestspielen versuchen. Es lohnt sich….

Dass es sich lohnt – dazu trägt nicht zuletzt Christof Loy mit einer kurzweiligen Regie bei, welche sich vor allem durch präzise Personenführung  auszeichnet. Anstatt des bei Barockopern oft zu beobachtenden Wechselbades aus Hyperaktivität und Rampensingen findet Loy den genau richtigen Mittelweg. Auch die Charaktere werden hier weder überdramatisiert noch ironisiert. Nein, sie sind zutiefst menschlich, nicht zuletzt aufgrund der Modernität ihres Äußeren. Die oft so austauschbar erscheinenden Hofintrigen berühren hier den Zuschauer umso mehr. Der Spannungsbogen hält daher auch drei lange Akte – und dass ohne Kürzung. Nicht einmal die Balletteinlagen werden ausgeklammert, sie werden sinnvoll und optisch ansprechend mit der Handlung verwoben.

Während auf der Bühne ein Routinier das Sagen hatte, nutze das gerade einmal vor einem Jahr gegründete monegassische Spezialistenensemble “Les Musiciens du Prince” unter der Leitung von Gianluca Capuano seine Chance. Zu Beginn klingt das phasenweise fast schon nach mittelalterlichem Ritterturnier, aber im Laufe des Abends finden die Musiker zu einer ganz eigenen, epochenspezifischen Klangsprache, die sich nie demonstrativ nach vorne drängelt, sondern die Sänger stets unterstützt – vornweg die zwei bestens disponierten Naturhörner bei der Auftrittsarie des Königs “Voli colla sua tromba”.

Dass die Aufführung ein derartiger Erfolg werden würde, das lag natürlich auch an einem erlesenen Sängeremsemble. Nathan Bergs etwas grobkörnig klingender König findet angesichts der nahenden Katastrophe im dritten Akt auch sensible Töne, Norman Reinhardt führt als Lurciano einen stimmschönen Tenor  ins Feld – bestimmt die bessere Wahl als Rolando Villazon, der dann im Sommer ran darf. Sandrine Piaus glockenklarer Sopran passt wunderbar zur Naivität der leicht manipulierbaren Dalinda. Christophe Dumaux besitzt keinen besonder klangschönen Countertenor, kann aber bei seinen vorgetäuschten Liebesschwüren dann so plötzlich wie unerwartet ganz einschmeichelnd klingen – eine Idealbesetzung für den Hofintriganten Polinesso, der sich auch beim Publikm besonders großer Zustimmung erfreuen durfte. Nachhaltigen Eindruck mit ihrem berührend-weichen Timbre machte Kathryn Lewek in der Partie der fälschlich der Untreue beschuldigten Königstochter Ginevra – ein Sopran allerdings, der in der Hass-Arie “Orrida agli occhi miei” fast schon Königin der Nacht-artigen Furor samt stupend sitzenden Hochtönen entfachen konnte. Cecilia Bartoli, anfangs im Conchita Wurst-Look, merkte man zu Beginn die Belastung als intensiv beanspruchte Intendantin und Sängerin an – noch am Abend zuvor hatte sie an ihrem Geburtstag “La donna del lago” gesungen. Aus  dem ersten Showstopper “Con l’ali di constanza” macht sie eine herrlich amüsante Trinkeinlage mit perfektem Rhythmus trotz Torkelns. Das “Scherza infida” beginnt sie zynisch-verbittert, um am Ende fast eine gelassene Resignation auszustrahlen – selten hat man diese Artie derart pathosbefreit gehört. Die Krönung des Abends war dann gewiss das “Dopo notte”, in dem auch hier die Mezzosopranisin von einer anspruchsvollen Bewegunsgregie gefordert wurde und im da capo-Teil dann wirklich das ad libitum exzessiv ausreizte – das war dann eigentlich fast mehr Rossini’sches Geschnattere statt Händel’scher Koloraturenketten, aber ich habe diese Arie noch nie so atemlos, so in die Höhe gehend vernommen. Eine sensationelle Darbietung auf ganz eigene Weise.

 

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