Das Rheingold / Baden-Baden (3.6.2017)

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  • June 4, 2017

“Schwach geworden” sei er, erklärte Marek Janowski, als ausgerechnet er letztes Jahr die musikalische Leitung von jenem “Ring” übernahm, mit dem Kirill Petrenko eine eigentlich unüberbietbare Vorarbeit geleistet hatte und den der Noch-Volksbühnen-Chef Frank Castorf so unnachahmlich wie kontrovers in Szene gesetzt hatte. Mir scheint, dass die praktische Auseinandersetzung mit der theatralischen Umsetzung einiges dazu beigetragen hat, Janowskis eher symphonisches Verständnis des Wagner’schen Opus zu schärfen. Und so war ich am Ende der knapp 140 Minuten nicht nur nicht mehr darüber enttäuscht, dass Thomas Hengelbrock die musikalische Leitung hatte abgeben müssen, sondern der festen Überzeugung, in der Summe mein bisher bestes “Rheingold” gehört zu haben.

Dabei beginnt das Vorspiel weder besonders mysteriös noch analytisch. Janowski interessiert sich nicht besonders für klangliche oder strukturelle Strukturen – jedenfalls leg er sie nicht offen dar – sondern für eine beinahe bildliche Umsetzung. Und so klingen die ersten 136 Take in Es-Dur fast mehr nach einer altböhmischen Lesart der “Moldau” als nach den Rhein-Interpretationen der Gegenwart. Dass das noch ungeschmiedete Rheingold mehr gleißt als glänzt machen die Trompeten genauso deutlich, wie sie sie durch eruptive Sforzandi nach Alberichs Abgang das Publikum nahezu aufschrecken lassen. Janowski denkt hier stets vom Ende her – und so hat das sonst so hehr-affirmativ klingende Walhall-Motiv stets einen bedrohlichen Unterton. Der Einzug in die “hehre Burg” ist hier unzweideutig eine rechtswidrige Okkuptation statt fahnenschwinkenden Triumphalismus’. Das NDR Elbphilharmonie Orchester leistet hier Großes wie Großartiges.

 Den Sängern bekommt die zügige Herangehensweise – und sie potenzieren das Material durch einen Vortragsstil, der phasenweise fast schon hörspielartigen Charakter annimmt. Wo soll man also anfangen zu loben ? Das Rheintöchtertrio (Mirella Hagen als Woglinde, Julia Rutigliano als Wellgunde und Simone Schröder als Floßhilde) hat man selten homogener gehört – sie singen übrigens wie die beiden Riesen, im Orchester stehend. Mein Lieblingsbassist Christof Fischesser bleibt bei aller Verliebtheit in die klangschöne Freia von Gabriela Scherer immer noch der raubeinige Riese Fasolt, während Lars Woldt dessen Bruder Fafner eine fast schon schleimige Aggressivität eines gegelten Mafioso verleiht. Bei den Göttern bleibt Katarina Karneus als Fricka vergleichsweise blass, umso präsenter hingegen die heldisch auftrumpfenden Lothar Odinius (Froh) und Markus Eiche (Donner), dem ausgerechnet beim “Heda” ein Schmiss unterläuft. Vielleicht hatte sich ja schon zu zu sehr darauf konzentriert, mit dem bereitgestellten Hammer rhythmisch korrekt zuzuschlagen. Beinahe überirdisch schön und folglich von der Empore singend die Erda von Nadine Weissmann. Welch unfassbare Stimme ! Elmar Gilbertsson ist neben dem Loge der einzige Sänger mit Partitur und holt in den wenigen Minuten alles aus der kurzen Partie des Mime heraus, was rauszuholen ist. Besonders gefreut habe ich mich über das Wiederhören von Johannes Martin Kränzle. Ich bilde mir ein, dass sein Bariton nach der längeren Auszeit etwas weniger rund, aber dafür umso “eckiger” bzw. kantiger klingt, ohne dabei wie Charakterbariton zu klingen. Ideale Voraussetzungen also für einen Alberich – und wie Kränzle diesen zu kurz gekommenen Aufsteiger mit Allmachtsphantasien stimmlich wie textlich gestaltet, das ist für mich der aktuelle Referenzwert in der Wagnerwelt. Wie er die letzte Silbe beim Liebesfluch (“so verfluch ich die Liebe”) fast wie ein ekliges “Bäh” ausspeit oder direkt vor der rhetorischen Frage, nun “wirklich frei” zu sein, zynisch-verbittert auflacht, da gefriert einem das Blut in den Adern und man weiß, dass hier eine über den Tod hinausgehende Feindschaft besiegelt wurde. Gar nicht windig-verschlagen klang das Rollendebüt von Daniel Behle als Loge. Sein jugendlicher, mittlerweile dunkel timbrierter Tenor ist stets elegant, ohne Aalesglätte. Dieser Feuergott drängelt sich nicht demonstrativ nach vorne, sondern bleibt als manipulativer Strippenzieher im Hintergrund. Eine etwas ungewohnte, nicht weniger gültige Lesart, und wenn sie zudem so gut – das Wort “schön” passt hier nicht so ganz – auf Linie gesungen wurde, dann umso besser. Bleibt noch Michael Volle, den man als Wotan bisher so gut wie gar nicht szenisch erleben durfte (Operabase listet bisher Wien, Berlin und Tokyo, aber in Wien war Volle meines Wissens erkrankt). Ja, warum eigentlich ? Als Wotan kann man in diesem Tetralogie-Vorspiel ja leicht an den Rand gedrängt werden, aber Volle bleibt in jedem Augenblick durch seine Präsenz, sein herrisches Auftreten spürbar anwesend. Sein wortdeutlicher, eleganter Bariton klingt weit durchsetzungsfähiger als noch auf der Rattle-Aufnahme und man verlässt das Festspielhaus mit dem sehnlichen Wunsch, Volle endlich einmal auch als Wotan in der “Walküre” hören zu dürfen.

Abschließende Frage: gibt’s diese konzertante Aufführung auch auf CD ?   

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