Diana Damrau: Meyerbeer / Baden-Baden (2.6.2017)

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  • June 3, 2017

Noch schwerer als bei Lebensmitteln lässt sich der Wert einer künstlerischen Darbietung nach reiner Quantität bemessen. Eine qualitative Einordung des Arienabends von Diana Damrau im Festspielhaus fällt umso schwerer, da der ursprünglich angekündigte Bassbariton (und Ehemann) Nicolas Testé krankheitsbedingt absagen musste. Und so musste das kunstvoll austarierte Programm flugs umgestellt werden.

Neben den fünf angedachten Soli für Herrn Testé (u.a. “Elle me n’aime pas”) mussten folglich auch zwei Duette (aus “I Puritani” bzw. “Manon”) ersetzt werden. Man behalf sich mit zusätzlichen Ouvertüren (“Forza del destino”), Zwischenspielen (“Manon Lescaut”, “Cavalleria”) und Ballettmusiken (“La Gioconda”) und der Meditation aus “Thais” um dem Abend die angemessene Quantität zukommen zu lassen. Es freute mich sehr, dass Frau Damrau zusätzlich die Arie (und vielleicht beste Nummer auf ihrer aktuellen Meyerbeer-CD) aus “Robert le diable” mit ins Programm brachte, aber da wäre meines Erachtens eine weitere Arie durchaus machbar gewesen – auch wenn das Programm auch so schon anspruchsvoll genug war. Allerdings stellte die erste Zugabe aus “L’africane” dann die ursprünglich angekündigte Quantität wieder her und erzielte durch die zusätzlichen Orchesterstücken sogar einen numerischen Mehrwert.

Doch genug der Erbsenzählerei. Denn rein qualitativ betrachtet (und gehört) war das ein sehr, sehr lohnenswerter Besuch – angefangen mit einem blendend disponierten Klangkörper (Philharmonia Prag), dem man natürlich auch unterstellen darf, das 08/15-Repertoire auch kurzfristig solide zu bewältigen. Aber das war über weite Strecken mehr als nur solide. Bei der eingangs schon erwähnten “Forza”-Ouvertüre erklang das “Schicksalsmotiv” unheilsschwanger, gleichzeitig hatten die Holzbläser einen fast luftigen Klang und die Blechbläser einen leicht jazzigen Einschlag. Auch bei den anderen “Lückenfüllern” zeigte der phasenweise Cowboy-artige dirigierende Emmanuel Villaume Gespür und Geschmack für die jeweiligen Spezifika der Komponisten. Die Solisten (Cello, Violine) stachen dabei besonders hervor. Ein großes Lob daher an alle Musiker !

Im ersten Teil des Abends präsentierte sich die Solistin in komödiantischer Verfassung. Man muss diese Barbara Schöneberger-Attitüde nicht unbedingt goutieren, aber sieht man einmal vom überdrehten Habitus ab, so kostet Frau Damrau die Nummern mit ihrer Spielfreude und schwäbischem Charme nach allen Regeln der Kunst aus. Das Publikum liegt ihr schon zur Pause zu Füßen – aber wie könnte es das auch nicht nach einer/m “ombre légère” – einer Nummer, die nie mein Fall war oder wird – bei der/m der Schlusston technisch brillant trotz Pirouetten Drehens gehalten wird oder einer klug ausgewählten Aufwärmnummer (“Nobles seigneurs, salut”), bei der die Günzburgerin das Publikum direkt ansingt. Nach der Pause besaß der Auftritt in darstellerischer Hinsicht nun mehr Contenance und weniger Exaltiertheit. Es folgen ein italienisch- (“Emma di Resburgo”), ein deutschsprachiger (!) Meyerbeer und das schon erwähnte, französische “Robert, toi que j’aime” desselben Komponisten inklusive Gänsehaut-Effekt sowie das “Mercè, diletti amiche” (Verdi).

Wie man sieht, wollte Frau Damrau bei diesem Abend ein überaus weites Spektrum vokaler Anforderungen abdecken, was ihr durchaus geglückt ist. Nun könnte man bei so ziemlich jeder Arie einwenden, dass es jeweils noch wahlweise lyrischere oder dramatischere oder koloraturengewandtere Sängerinnen gibt – aber mir fiele kein Sopran ein, der einen derart überzeugenden Kompromiss aller drei Anforderungsbereiche abliefern könnte. Und so möchte ich an dieser Stelle auch nicht kleinere Schönheitsfehler wie das “c” (?) anstelle des manchmal zu hörenden “es” als Abschluss bei der “I vespri siciliani”-Arie, die sich manchmal leicht verhärtende Höhe oder den ganz kurz gefährdeten Fokus bei der Klimax der “Robert”-Arie über Gebühr dramatisieren, sondern die vorbildliche Textverständlichkeit sowie -gestaltung hervorheben und der Hoffnung Ausdruck verleihen, Frau Damrau endlich einmal in einer szenischen Meyerbeer-Produktion zu erleben.

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