Cardillac / Pforzheim (27.5.2017)

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  • May 27, 2017

Es dürfte wenig Opern wie “Cardillac” geben, die derart zu Pforzheim passen. Und ehe Sie bereits die Koffer packen, um Pforzheim einen Besuch abzustatten: nein, das hat natürlich nichts mit dem Stadtbild zu tun. Aber gibt es eine geeignetere Stadt für die Handlung um einen besessenen Goldschmied namens Cardillac als die Schmuck- und Goldstadt Pforzheim, woher laut Homepage der Stadt auch heute “rund 80% des aus Deutschland exportierten Schmucks” stammen ?

Intendant Thomas Münstermann kennt sein Publikum und machte das Werk zur Chefsache. (Also aufgepasst, liebe Karlsruher Opernabteilung im Elfenbeinturm, das gibt es tatsächlich.) Da wird natürlich auch ein enormer Aufwand betrieben, der angesichts der überschaubaren Größe des Hauses dennoch nicht gigantomanisch wirkt. Ein flexibel einsetzbares Bühnenbild (ebenfalls Thomas Münstermann), raffinierte Kostüme (Alexandra Bentele) und zur Abwechslung  mal wirklich gelungene Projektionen in Kombination mit einer effektvollen Lichtregie (Philip Contag-Lada) ergibt eine faszinierende Folie für die Handlung, in deren Vorlage so mancher Leser alsbald das “Fräulein von Scuderi” von E.T.A. Hoffmann erkennen wird. Einzig die Einblendung der “Untertitel” machte das verfolgen des Textes etwas schwierig, aber das stellt kein allzu großes Drama dar. Das Drama entfaltet sich Schritt für Schritt und dabei präzise von der Regie beobachtet, wenn zum Beispiel der Offizier (Johannes Strauß mit feinem, lyrischem Tenor) und seine umworbene Dame (Dorothee Böhnisch mit herzergreifendem Solo) das Schmuckgeschenk erotisch aufladen, indem die Kette ganz unterschiedliche Funktionen in dem gesangslosen Zwischenspiel erhält – oder wenn sich die unbeachtete Tochter Cardillacs (Franziska Tiedtke mit kräftigem Sopran, der für mein Dafürhalten dann und wann etwas mehr rollendeckende Unsicherheit im Vortrag gefordert hätte – aber das ist Erbsenzählerei) genau wie die Schmuckstücke auf dem Arbeitstisch ihres Vaters präsentiert, wo sie ihren Offizier (Steffen Fichtner mit hellem, klaren Charaktertenor, dessen Vortrag allerdings gelegentlich intonationsunsicher wirkt). Allein im dritten Akt darf man fragen, ob die Anspielungen auf die Bombardierung Pforzheims kurz vor Kriegsende wirklich noch etwas mit dem Handlungsverlauf zu tun haben, aber das Publikum spendete zurecht mehr als nur Höflichkeitsapplaus, insbesondere für Hans Gröning in der anspruchsvollen Titelpartie. Gröning zeichnet den Golschmied als lieblosen Vater, der die Tochter ohne Zögern dem ihn unbekannten Offizier überlässt, aber zugleich besessenen, an seinen eigenen Werken berauschten Künstler, dessen Erfolg – also Verkauf der Schmuckstücke – gleichzeitig seine größte Pein darstellt.

Zusammengehalten wurde der Abend nicht zuletzt von GMD Markus Huber. Die “neue Sachlichkeit”, welche bei Paul Hindemith stets erwähnt wird, sie klingt hier gar nicht sachlich, sondern auf nüchterne Weise emotional. Besonders die konzertierenden Instrumente hatten einen wesentlichen Anteil am musikalischen Gelingen einer Produktion, der man viele Zuschauer wünscht. Verdient hätte sie es.

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