Le nozze di Figaro / Wiesbaden (25.5.2017)

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  • May 26, 2017

Sternerestaurants servieren zwischen den Gängen gerne einmal ein Sorbet – weniger des Genusses, sondern der Neutralisierung des Geschmacks wegen, um somit die Aufnahmefähigkeit der Geschmacksnerven für den folgenden Gang zu sensibilisieren. Der gestrige “Wiesbadener Figaro” war dann doch mehr als nur ein Zwischengang im aktuellen “Ring”-Durchlauf (zwischen “Walküre” und “Siegfried”), aber Wagner’sche Bratensoße war dann doch immer noch zu hören bzw. schmecken.

Für ein derart kühnes Unterfangen benötigt man in der Regel ein wirklich erstklassiges Orchester – Wagner profitiert zwar von Mozart’scher Raffinesse, umgekehrt lässt sich das jedoch weniger sagen. Und das Hessische Staatsorchester ist eben doch kein besonders flexibles Orchester. Selbst der erfahrene Konrad Junghänel konnte am Pult nur wenig an den Umständen ändern, sogar auf dem Besetzungszettel war als Komponist Richard Wagner angegeben. Es war folglich ein “Figaro” in der Tradition eines Karl Böhms, wenn auch etwas entschlackt. (Nebenbei bemerkt: die sonst so fehleranfällige Blechbläsersektion spielt tadellos. Es geht also. Warum denn nicht öfter so ?) Das war allerdings kein Beinbruch, denn die Wahl des Ensembles passte durchaus zu diesem Dirigat.

Beim hohen Paar fiel die Wahl nämlich auf Maria Bengtsson und Gerald Finley. Beide sind schon längst in heldischeren Partien angekommen – Bengtsson singt parallel die Arabella in Frankfurt, Finley hat bereits den Hans Sachs im Repertoire. Beide haben sich aber eine bewundernswerte Flexibilität in der Stimmführung bewahrt. Und so konnte vor allem Finley als bedrohlich-gefährlicher Graf punkten. Sein fast schon zu triumphales, nichtsdestrotrotz durchdachtes “Hai gia vinta la causa” erbrachte nachvollziehbarerweise den größten Szenenapplaus. Seine Bühnengattin lässt Erinnerungen an Elisabeth Schwarzkopf wach werden, wenn auch ohne die Manierierhtheit im Vortrag. Wie Bengtsson ihren Sopran mit ihrem höchst individuellem, da leicht verschattetem Timbre alle Dynamiken auf einer Phrase auskosten kann, das ist schon große Klasse!

Dritter Hochkaräter bei der Festspielaufführung war Hanna-Elisabeth Müller als Susanna. Die Münchnerin macht diese Rolle, die immer auch ein wenig Gefahr läuft, unterzugehen, zum Dreh- und Angelpunkt der Aufführung. Schön, eine Susanna ohne Soubretten-Attitüde zu hören, insbesondere wenn die Stimme dabei so anrührend klingt. Der Cherubino von Silvia Hauer war stimmlich souverän, wenn auch irgendwie unentschlossen im Darstellerischen. Patrick Carfizzis Figaro klingt in meinen Ohren fast zu edel, zu weich für diese Partie. Bei aller Stimmschönheit hätte ich mir da mehr Ecken und Kanten bei der Interpretation gewünscht.

Dass der Abend bei aber nicht so ganz zünden wollte, lag auch an der Inszenierung von Beka Savic. Im durch und durch weiß-kalten Marmorbühnenbild gibt es zuviel Hochglanz und zuwenig politischen Zunder. Die Versteckszene im ersten Akt war mir viel zu sehr auf schlecht gemachten Klamauk getrimmt, die weiten Räume und die nach hinten offene Bühne nahmen im zweiten Akt einiges von der klaustrophobischen Emotionalität und der vierte Akt ließ jegliche Atmosphäre vermissen. Schade.

Was mir und vielen anderen Nebensitzern den Abend aber regelrecht verdarb war die Einlasspolitik des Staatstheater gegenüber Zuspätkommenden. Ich bin bei dieser Hochkulturklitsche ja schon einiges gewohnt – den Applaus längst vor dem Ende der Musik,  beklatschte und gefilmte Pferde (“Walküre“), Bonbonpapierrascheln und sonstige akustische Bereicherungen. Bei der Bartolo-Arie strömten dieses Mal jedoch zusätzlich zwei Dutzend Gäste allein im dritten Rang auf ihre Plätze und diskutierten meinungsstark mit den Zuschauern, wer nun eigentlich falsch sitzt. In der Lichtpause nach dem ersten Akt eilten dann viele Zuschauer zielstrebig zum Pausenbüffet, das natürlich noch gar nicht eröffnet war und dafür umso vernehmbarer in den Saal zurück, wo dann der erste Teil des “Porgi amor” gnadenlos zertrampelt wurde. Gewisse Teile des Publikums dieser Stadt müssen anscheinend bei so ziemlich jeder Aufführung unter Beweis stellen, nicht nur Landeshaupt-, sondern eben auch Kurstadt zu sein. Traurig – und das ausgerechnet bei einem ansonsten so hörenswerten Abend.

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