Tannhäuser (Premiere) / München (21.5.2017)

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  • May 22, 2017

“Weißt du, was du sahst ?” fragt Gurnemanz den reinen Toren am Ende des ersten Aktes des “Parsifal”. Der hat keine Ahnung und wird weggeschickt. Auch noch nach zweieinhalb Autostunden Heimfahrt komme ich mir ein wenig vor wie Parsifal, fällt es mir doch schwer, das Gesehene in Worte zu fassen. Ich bin mir zwar nicht so ganz sicher, zu wissen, was ich gesehen habe, aber umso überzeugter, dass mir das Gezeigte sehr imponiert hat. Ob es mir gefallen hat ? Akt 1 und 3 durchaus, mit Akt 2 hadere ich noch. Doch der Reihe nach.

Mit der Wahl von Romeo Castellucci als Regisseur war von Anfang an klar, dass hier keinesfalls business as usual auf der Opernbühne zu sehen sein würde. Insofern entsprach das Gezeigte den Erwartungen. Der wie stets – und dieses Mal absolut zu Recht – umjubelte Kirill Petrenko dirigiert zügig, ohne jegliches Pathos. Die antagonistischen Welten von Venusberg und Wartburggesellschaft – nie klangen sie ähnlicher. Castellucci interessiert sich nicht sonderlich für die “klassischen” Leitfragen des Tannhäusers, sondern zeigt ihn als einen Gejagten. Knapp 30 Bogenschützinnen zielen im aseptisch weißen Bühnenraum in archaisch, teilweise asiatisch-streng anmutenden Kostümen und Ritualen (Bühne und Kostüme: ebenfalls von Castellucci) unentwegt auf ein riesiges Auge. Dementsprechend gehetzt tönt es auch aus dem Graben, aber nie oberflächlich, sondern fast albtraumhaft gut. Das Jagdmotiv wird am Ende des Aktes erneut gestreift, als die Wartburggesellschaft einen getöteten Elch samt Blutspur über die Bühne schleifen – offensichtlich wurde der Jagdtrieb hier sublimiert. Und genau diese Mischung aus Anthropologie und Tiefenpsychologie schwebt unentwegt über dem gesamten Abend. Eine Aufzählung aller Details würde den Rahmen sprengen, aber ein paar Aspekte möchte ich dennoch nennen, da sie äußerst ungewohnt sind:

– Venus erinnert im ersten Akt (im dritten singt sie aus dem Off) fast an Jabba the Hutt, so fett und unbewglich ist sie. Das Sinnliche der Liebe ist hier ein zuviel an Fleischlichkeit geworden. Kein Wunder, dass Tannhäuser da schnell fort will
– Im zweiten Akt trägt Elisabeth ein weißes Kleid, das allerdings ob seiner Transparenz Einblicke unter den Stoff erlaubt. Mit ihrem Eintreten für Tannhäuser nach dem Sängerkrieg ist dieses Kleid “uneinblickbar” – Elisabeth muss sich selber zur Heiligen machen und jegliche Fleischlichkeit in sich abtöten
– Nach Wolframs Lied an den Abendstern befinden sich zwei Granitblöcke auf der Bühne, auf denen die Namen “Klaus” und “Anja” eingemeißelt sind. Im Laufe des verbleibenden Aktes werden die Leichen mehrfach ausgetauscht, wir sehen die verschiedenen Verwesungszustände. Am Ende bleibt nur Asche, die Elisabeth und Tannhäuser beide auf einen Haufen streuen. Selten habe ich das Ende, das ich in der regel als zu abrupt und oft auch als unbefriedigend empfinde, mit einer derartigen Mischung aus Bitterkeit und Hoffnung erlebt.

Der zweite Akt hat mit seinen wirbelnden Gardinen zwar ebenfalls interessante Bilder ermöglicht, aber hier bliebt mir zuviel im Unklaren, was aber nicht heißen soll, dass der Regisseur schuld hätte. Vielleicht kommt mir die Erleuchtung zu dem riesigen Goldblock, den die Pilger tragen oder den abgetrennten Füßen ja im Laufe der nächsten Tage. Auf eine gewisse Weise erzeugt die kühle, analytische Herangehensweise eine Reibung mit dem vehement buhenden Publikum, welche eben auf diese Art zwei sich widersprechende Welten geriert, zwischen denen Tannhäuser letztlich zerrieben wird.

Wie bereits erwähnt, liefert der noch amtierende GMD ein mustergültiges, umjubeltes, regiekompatibles Dirigat ab, hält zudem die bestens präparierten Chöre minutiös in der Spur und hilft den Sängern durch die nicht immer einfache Bewegungschoreographie des Abends. Auf der Wartburg überzeugen neben einem feinen Walter von der Vogelweise (Dean Power) und kräftig zupackenden Biterolf (Peter Lobert) erwartungsgemäß der edle Bass von Georg Zeppenfeld in der Rolle des Landgrafen sowie Wolfgang Gerhaher als Wolfram von Eschenbach. Ich präferiere in dieser Partie eher Opern- als Liedsänger, aber angesichts der unfassbaren Plastizität der Textgestaltung und des frei fließenden Baritons wäre jede Form der Kritik an dieser mustergültigen Darbietung verfehlt.

Angesichts der Kostümierung hatte es Elena Pankratova natürlich schwerer als andere Sängerinnen in dieser Partie. Wirklichen Liebreiz hört man nicht wirklich, aber dafür eine flexible Stimmführung inklusive solider Höhe – eine Färberin macht dennoch nicht zwangsläufig eine glaubwürdige Liebesgöttin. Das Gebaren beim Schlussapplaus empfand ich als peinlich.

Anja Harteros zu loben, ist so sinnvoll die Kohle nach Newcastle zu tragen. Dennoch muss es immer und immer wieder gesagt werden, was für eine unfassbar schöne Stimme die Deutschgriechin besitzt und wie dankbar man in München für ihren Quasi-Ensemblestatus eigentlich sein müsste. Die Hallenarie und die Verteidigungsrede werden beeindruckend kraftvoll vorgetragen, aber verzaubert wird das Auditorium von den samtweichen Legatobögen und den berückend schönen Piano-Stellen. Hat man Stelle wie “tör’ger als ein Kind”, “mein güt’ger Vater” eigentlich jemals schöner gehört ?

Schön singt natürlich auch Klaus Florian Vogt als Tannhäuser – allerdings ist es teilweise die Stimmschönheit eines der Kindheit entwachsenen Knabensoprans, eines Tenors ohne wirkliche Tiefe und Durchdringung des Textes. Dieser phasenweise schon naiv anmutende Vortragsstil kann einem in den Strophenliedern des Venusbergs schon mehr als nur ein klein wenig irritieren, ja sogar ärgern, zumal Vogt hier auch durch seine Kurzatmigkeit Phrasen unnötig zerteilt und den melismatischen Anforderungen nur bedingt gerecht wird (“gesu-u-u-u-ungen laut”). Klar kann Vogt auf Kommando in seine obertonreiche Stimme auch mehr in den Körper hineinsingen und somit einen etwas maskulineren Klang erzeugen, aber er tut dies doch für meinen Geschmack einfach zu wenig. Auch hier gilt: ein Lohengrin ist eben kein Parsifal oder gar Tannhäuser. Im zweiten Akt ändert sich dies ansatzweise, sein “das galt wohl wahrlich keinem Streich” zeugte zum ersten Mal von der Intention der Textgestaltung. Im dritten Akt wuchs Vogt dann nahezu über sich hinaus – er besitzt plötzlich den Mut, auch unschönere Töne zu produzieren, auf Knopfdruck wechselt sich Schönklang mit Verachtung und Enttäuschung ab, so dass man nicht umhin kommt, ihm ein gelungenes Debüt mit Luft nach oben zu attestieren.

Weiß man also was man hörte ? Ja, eine wirklich herausragende Ensembleleistung mit besonderen Spitzenleistungen von Frau Harteros und Kirill Petrenko am Pult. Weiß man aber was man sah ? Nein, auch jetzt nicht so wirklich. Aber die Bayerische Staatsoper hat mit Romeo Castellucci endlich einmal wirklichen Mut zur Kontroverse bewiesen, auch wenn Personenführung in dieser Inszenierung ziemlich klein geschrieben wird. Gleichwohl, in Zeiten großkoalitionärer Konsenssoße ist diese Regisseurswahl  ein besonderer Verdienst von Intendant Nikolaus Bachler.

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2 Comments

  • Marie Weninger says:

    “Das Gebaren beim Schlussapplaus empfand ich als peinlich.” – nachdem ich leider nicht dort war, koennten Sie das naeher ausfuehren?

    • admin says:

      Gerne. Bei den ersten beiden Applausdurchgängen betrat Pankratova mit einem schwarzen Tüll-Umhang die Bühne, welchen sie aber, nach hinten wehen lassend, emporhielt. Demonstrative “Ich bin ein Star”-Attitüde, die nicht wirklich durch die erbrachte Bühnenleistung gerechtfertigt, vielleicht aber mit ihrem unvorteilhaften Kostüm in Akt I erklärt werden kann.