Le nozze di Figaro / Karlsruhe (19.5.2017)

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  • May 20, 2017

Mozart tut der Seele gut. Beim Karlsruher “Figaro” weiß man seit langem, was man an ihm hat (nämlich viel) und kann sich angesichts des sich stets drehenden Personalkarussels immer wieder neu auf das Geschehen einlassen. Irritierend war für mich allein die Tatsache, dass von den fünf Hauptpartien lediglich zwei (Graf, Cherubino) aus dem Ensemble besetzt wurden, wobei zwei der drei Gäste echte “Volltreffer” waren. Doch der Reihe nach…

Neugierig war man gewiss auch auf das Gast- (und Bewerbungs- ?)dirigat des ehemaligen Chemnitzer GMDs Frank Beermann, der in der Vergangenheit durch zahlreiche Ausgrabungen (bei cpo erschienen) auf sich aufmerksam gemacht hatte. Nun ist beim “Figaro” aber handwerkliches Geschick gefragt – und das war auch vorhanden. Eine besonders individuelle Lesart konnte ich jedoch nicht bemerken – das Ergebnis lässt sich am ehesten als “solider Esprit” bezeichnen, der sich fast zu sehr in den Dienst des Werkes stellte. Begeisterung konnte man in den Gesichtern der Orchestermitglieder jedenfalls nicht erkennen. Den wohlwollenden  Applaus nach der Ouvertüre flink abwürgend, irritierte Beermann auch das Publikum doch so weit, dass sich bis vor der Pause lediglich nach dem ersten Aktschluss die Hände rührten. Dabei waren alle gesanglichen Leistungen gut bis vorzüglich.

Am wenigsten warm wurde ich mit der Gräfin von Jutta Maria Böhnert. Zwar besitzt sie – für eine Gräfin durchaus ungewohnt – gutes Gefühl für Komik, aber das ewartet man eben doch eher von einer Susanna. Und so klang das Porät über weite Strecken dann auch. Die stimmliche Grandezza, nach der diese Partie in den großen Momenten aber eben auch verlangt, kam hier nur im Ansatz zum Tragen. Beim “Dove sono” hätte ich mir dann doch längere Bögen und auch etwas mehr Attacke gewünscht. Dennoch eine nicht zu beanstande Darstellung. Ihr Bühnengatte wurde von Armin Kolarczyk mit mächtigem Kavaliersbariton dargeboten. Das brillant zwischen Frustration und Trotz oszillierende “Hai gia vinta la causa” führte dann auch zum ersten Szenenapplaus. Hoffentlich hat man in der nächsten Spielzeit öfter Gelegenheit, diesen Karlsuher Qualitätssänger hören zu dürfen. Es kann ja nicht jeder nach Bayreuth reisen, wo er dieses Jahr als Kother debütieren wird.

Das zweite Ensemblemitglied machte ihre Sache als hormongeschädigter Cherubino ebenfalls hervorragend, auch wenn ich in darstellerischer Hinsicht etwas mehr pubertäre Verklemmtheit bzw. Zurückhaltung wünschne würde. Der angenehm herbe Mezzo von Dilara Bastar passt wunderbar in diese Hosenrolle, zumal die Höhen hier nie unangenehm klingen. Auch hier: welch ein Gewinn für das Staatstheater !

Lydia Teuscher nahm in den ganzen Abend durch ihre sympathische Art für sich ein und konnte auch bei der Rosenarie alle Register ziehen. Bitte gerne wiederkommen ! Unbedingt wiederkommen sollte Morgan Pearse. Als Bariton hat er naturgemäß keine Probleme mit der Höhe – so viril man das “si” bei “Se vuol ballare” selten gehört ! Seine Arie im vierten Akt, vor’m Orchestergraben gesungen, wäre dann auch mein persönlicher Höhepunkt geworden, wenn das angegangene Saallicht nicht von weiten Publiumskreisen als Anlass zur Kommentierung genommen worden wäre. Ebenfalls erfreulich, dass Pearse seinen Figaro nicht als etwas belämmerten Diener zeichnet.

Der lang anhaltende, frenetische Applaus eines voll ausverkauften Hauses möge den künstlerisch Verantwortlichen Mahnung und Warnung sein, nach der Dew-“Tosca” nicht auch den Fieber-“Figaro” aus dem Repertoire zu nehmen. Denn mal ganz direkt gefragt: welche Inszenierung der nunmehr fast sechsjährigen Spuhler-Intendanz hat es eigentlich bisher ins Repertoire geschafft ?

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