Elektra / Mannheim (13.5.2017)

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  • May 14, 2017

Auf dem Besetzungsaushang fanden sich selten so viele Sternchen und so wenige “Stars” wie gestern Abend bei der Wiederaufnahme der “Elektra” in der Inszenierung von Ruth Berghaus. Womöglich funkelte der Himmel über dem Nationaltheater womöglich auch deshalb so hell wie selten….

Die Sternchen, das muss zur Erklärung angefügt werden, zeigen Rollendebüts an. Und davon gab es unfassbar viele – bei einem derart großen Ensemble konnten bis auf die Titelpartie alle anderen hausintern besetzt werden. So kam man auch in jenen Partien, die man oft und gerne übersieht bzw. überhört, Erstaunliches vernehmen, wie zum Beispiel eine jugendlich-zarte fünfte Magd (Eunju Kon) oder einen höhensicheren jungen Diener (Christopher Diffey). Uwe Eikötters Höhe ist etwas in die Jahre gekommen, aber als Aegisth ist das immer noch eine solide Sache. Thomas Berau grummelt sich am Anfang ein wenig durch die tiefen Lagen (“Ich muss hier warten”), lässt dann aber seinen kräftigen Bariton frei und imposant strömen, bei gleichzeitig derart vorbildlicher Textbehandlung, als würde er die genialen Hofmannthal’schen Texte diktieren. Die Klytämnestra ist mit Julia Faylenbogen ungewohnt jung besetzt, aber das ist durchaus ein Gewinn. Anstatt des oft zu vernehmenden Deklamierens auf Tonhöhe werden hier die Linien tatsächlich voll ausgesungen – ohne dass dies auf Kosten der Textauslotung ginge. Nicht auszudenken, wie grandios das alles erst klingen mag, wenn sich zu diesem dunklen Klang noch etwas gesunde Routine gesellt haben wird. Miriam Clark fehlt ein wenig der Silberglanz, aber dafür überzeugt ihre Chrysothemis mit langem Atem – kein Wunder, wenn man eben auch eine Aida singt. Das “Weiberschicksal” wird hier einmal  nicht “zeratmet”, den “Bauer, dem sie mich geben” verächtlich, die Phrase “immer sitzen wir auf der Stange” fast wie Trance dargeboten. Es manchmal fast so, also ob man ein gesungenes Schauspiel sähe – und eben keine Oper, beziehungsweise das Klischee einer Oper.

All dies trifft uneingeschränkt auch auf die Elektra von Catherine Foster zu. Es ist mir unbegreiflich, dass diese Sopranistin immer noch Isolden in Gelsenkirchen oder Elektren in Mannheim singt, um eine so unfassbar gute Hochdramatische müsste sich doch die großen Häuser samt und sonders kloppen. Bereits in ihrem Auftrittsmonolog gibt die aktuelle Bayreuther Brünnhilde alles – dabei rennt da keine männermordende Megäre, sondern  ein zutiefst verletzter Mensch über die Bühne. Indem wir hier keine übertriebene Selbstentäußerung (Stichwort: Herlitzius) sehen, kommt uns diese Elektra näher als sonst. Und so kommt es auch, dass die Erkennungsszene mit Orest für mich die eigentlich fast unerträglichste, da erschütterndste aller Szenen ist. Um nicht missverstanden zu werden: hier mogelt sich keine lyrische Stimme irgendwie durch die Partitur, die Höhen (“königliche Siegestänze”; “seines Lebens freun”) treffen rasiermesserscharf ins Schwarze, klingen dabei aber stets voll und rund, nie blechern oder tremolierend.

Alexander Soddy hat an dem Gelingen des Abends einen wesentlichen Anteil. Anfangs ist sein Dirigat fast unauffällig, aber eben im positiven Sinne. Er tritt in keinen Wettstreit mit den Sängern, sondern trägt die vielen Debütanten auf Händen durch die komplexe Partitur. In den kurzen Übergangssequenzen merkt man aber plötzlich, wie viel Energie da im Graben brodelt – fast wie ein Vulkan kurz vor der Explosion. Und dennoch ist auch hier die kurze Stelle vor der Erkennungsszene (“Orest, Orest”) die eindrücklichste, das das Orchester hier das Gefühlschaos der Elektra auf engem Raum bereits vorwegnimmt.

Kurzum: das muss man gesehen haben ! Und man sollte nicht überrascht sein, wenn aus dem einen oder anderen Sternchen an diesem Abend in ein paar Jahren ein Star werden würde.

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