Semiramide / Nancy (7.5.2017)

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  • May 8, 2017

Wagners Opern hätten, laut Rossini, wunderbare Momente und schrecklich zähe Viertelstunden. Insofern steckte in der gestrigen “Semiramide” überraschend viel Wagner…..

Das liegt zum einen an der Monumentalität des Werkes. Der erste Akt dauert ungekürzt länger als der erste Akt der “Götterdämmerung”, und auch der zweite Akt nimmt 95 Minuten in Anspruch. Die zu füllen, das ist kein leichtes Unterfangen. Daher griff man in Nancy zu “mittelkleinen” Kürzungen, vor allem im ersten Akt, was den bedauerlichen Wegfall der ersten Idreno-Arie bedeutete. Schade, denn so konnte man erst bei “La speranza piu soave” in den Genuss des tadellosen Tenors Matthew Grills kommen. Fabrizio Beggi leiht dem Hohepriester Oroe einen düsteren Bass, Nahuel Di Pierro beeindruckt mit seinem vielschichtigen Bariton in der Rolle des Intriganten Assur – besonders die Reue-Arie (Ah, la sorte ci tradi”) lässt aufhorchen, aber auch sonst überzeugt diese virile wie flexible Stimme in allen dramaturgischen wie vokalen Lagen. Für mich die unerwartete Entdeckung des Abends.

Die Titelpartie wurde nicht wie so oft einer Mezzosopranistin, sondern Salome Jicia anvertraut – einer Sopranistin mit manchmal kurz angebundenen, etwas spitzen Höhe, aber dafür warmen Mittellage.  Litt die Georgierin beim “Bel raggio lusinghier” noch leicht unter der Erwartungshaltung, die bekannteste  Nummer des Werkes überzeugend darzubieten, wirkte sie im Anschluss daran gelöster und lieferte sich grandiose Vokalschlachten in den Duetten mit Assur und ihrem unerkannten Sohn Arsace. Der war – gänzlich ungewohnt – mit einem Countertenor besetzt, was den klanglichen Kontrast zusätzlich vertiefte und somit die stimmliche Bandbreite zusätzlich ausdehnte. Franco Fagioli wildert immer mehr in für diese Stimmlage fremden Gefilden und macht seine Sache hervorragend, auch wenn bei seiner zweiten Arie ein Hochton leicht verrutscht. In allen Lagen klingt die Stimme frei und kraftvoll, die Registerübergange (mit denen er bei barockem Repertoire gerne kokettiert) nahtlos – kurioserweise beeindruckt nicht zuletzt die profunde Tiefe. In Interviews hat Fagioli immer wieder erwähnt, wie sehr seine Ausbildung vom italienischen Belcanto geprägt war – und das hört man. Es dürfte kaum einen aktuellen Vertreter dieser Stimmlage geben, der sich derart überzeugend Rossini annehmen könnte. Gleichwohl fällt auf, dass Fagioli bei Duetten im Ansatz und hörbar bei den Ensembles Mühe hat, vernehmbar zu bleiben. Der größere Orchesterapparat, eine höhere Stimmung und Stahlsaiten haben da bestimmt ihren Anteil.

Das soll übrigens keine Kritik am Dirigat von Domingo Hindoyan darstellen. Dem gelingt es nämlich, einen perfekten Orchestersound zu erzeugen. Alle Stimmgruppen zeigen sich in Bestverfassung und verzaubern bei den getragenen wie zügigen Arien. Große Klasse !

Leider lässt sich das nicht über die Inszenierung sagen. Und da wären wir beim zweiten Grund, warum sich diese “Semiramide” immer wieder wie Wagner anfühlte – aus Rossini’scher Perspektive freilich. Natürlich sind die Handlungen vieler Opern wenig plausibel, aber es ist nun einmal die Aufgabe einer Regisseurin, mit diesem Handicap gekonnt umzugehen. Nicola Raab lässt die Handlung aus dem alten Babylonien in einem barocken Theater spielen: rechts eine große Bretterbühne, in der Mitte eine Wendeltreppe und links ein paar Gerüste. Gelegentlich werden Bühnenprospekte herunter- und dann wieder raufgefahren.  Warum, das dürfen Sie mich beim besten Willen nicht fragen. Ansonsten dominieren Leerlauf und Hilflosigkeit. Gäbe es die ansprechenden Kostüme (Julia Müer) nicht, man könnte das Theater fast mit einer Depression verlassen. Wer sich morgen oder am Donnerstag spontan nach Lothringen aufmachen möchte, dem sei ein ausführlicher Blick ins Libretto wärmstens ans Herz gelegt.

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3 Comments

  • Honigsammler says:

    Danke Herr Kaspar für den Hinweis. Ich bin am Donnerstag in Nancy und nehme ein Libretto mit, um mich auf der Fahrt einzulesen

  • Alidoro says:

    Wir haben die Aufführung dreimal genossen und waren jedesmal begeistert. Alle Rollen waren gut bis excellent bestzt und der Dirigent hat uns eine wunderbar spritzige Version dieser großen Rossini-Oper präsentiert. Natürlich war Fagioli das highlight, bei einem Countertenor kann man nun mal keine Bärenstimme erwarten, aber die Koloraturen habe ich vergleichbar gut nur von Ewa Podles gehört (leider nur als Aufnahme). Anders als dem Rezensenten hat uns auch die harmlose, aber ästhetische und sehr musikfreundliche Inszenierung hervorragend gefallen (wenn ich da an den Mist denke, den uns München zugemutet hat). Ich bin immer wieder beglückt, was uns dieses “kleine” Theater mit seiner wunderbaren Akustik bietet. Die Aufnahme unter http://culturebox.francetvinfo.fr/opera-classique/opera/semiramide-de-rossini-par-franco-fagioli-255667 kann ich wärmstens empfehlen.

  • admin says:

    Danke für Ihren Kommentar und den Link, obgleich ich ihn bereits kannte. In die Münchner Inszenierung werde ich vielleicht nächstes Jahr gehen, da singt dann anstatt des Mezzos Joyce DiDonato ein Sopran ( Albina Shagimuratova). Ich ärgere ich manchmal lieber über eine Inszenierung als dass sie mich langweilt – Ansichtssache eben. Ansonsten bietet Nancy tatsächlich immer wieder schöne Aufführungen – und die Stadt ist sowieso immer eine Reise wert.