Genoveva / Mannheim (29.4.2017)

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  • April 29, 2017

Marschner, Weber, Lortzing, ja selbst Schubert: ich habe eine Schwäche für die romantischen Opern der Restauration und des Vormärz. Die Plots dieser Opern sind ja häufig banal bis blöde, aber irgendwie packen sie mich doch jedesmal. Daher hatte ich mich auch sehr auf die Mannheimer Premiere von “Genoveva”, Robert Schumanns einzige Oper, gefreut. Zu früh.

Denn Regisseurin Yona Kim kann nicht wirklich vermitteln, worum es genau in diesem Stück eigentlich geht. Natürlich erzählt sie so kompetent, dass man der Handlung folgen kann, aber mehr eben auch nicht. Es gib viele Fragezeichen und wenig Antworten. Warum endet Lehensknecht Golo am Ende zwangsbejackt in der Psychatrie ? Weshalb vögelt Pfalzgraf Siegfried zu Beginn des dritten Aktes die intrigante Amme Margarethe obgleich er von seiner Trennungswehe von seiner Gattin Genoveva singt ? Tja, das wüsste man alles gerne und bleibt doch alleine mit den Fragen zurück. Das eigentlich Enttäuschende ist jedoch, dass es einem nach knapp drei Stunden fast schon wieder egal war. Ich habe nichts gegen intelligentes, meinetwegen auch überzogenes Konterkarieren einer bescheuerten – und das ist sie zweifelsohne – Handlung und chauvinistischem Libretto, aber dann darf eine derartige Regie nicht so blutleer sein und sich abgestandener Uraltmätzchen des sogenannten Regietheaters bedienen. Die Charaktere bleiben folglich blutleer, man entwickelt null Empathie für sie.

Augen zu  und durch also ? Nun, auch das klappt nicht so recht. Denn Alexander Soddy kann sich am Pult auch nicht wirklich entscheiden, was er aus der Partitur nun rausholen möchte. Irgendwo zwischen romantischer Schwärmerei und analytischem Klangbild wollte er wohl als Kompromiss landen, und landet in der Beliebigkeit. Dabei spielt das Orchester wirklich gut, vor allem die oft schwächelnden Hörner überzeugen auf ganzer Linie. Die Streicher klingen etwas dünn und die Flöte fiepste öfters zu penetrant, aber unterm Strich war das ein so anhörbares wie dahin plätscherndes Dirigat. Ein passabler Soundtrack, wenn es da zwischen Akt III und IV nicht die eingeschobenen Geister-Variationen 4 und 5 am Flügel (Elias Corrinth) zu hören gegeben hätte.

Die Sänger der Hautpartien sind – mit Ausnahme Astrid Kesslers als so treue wie leidensfähige Genoveva – ungünstig besetzt, vorsichtig ausgedrückt. Maria Markinas allzu leichtem Mezzosopran fehlt in dieser Ortud-ähnlichen Rolle jeglicher Furor, Evez Abdulla kümmert sich als grobschlächtiger Siegfried wenig um Konsonanten und Andreas Hermann Tenor drängt zu arg ins Charakterfach und schluchzt dabei einfach zu oft wie eine Verismo-Karikatur. Wäre also nicht Astrid Kessler mit ihrem kraftvollen, innigen Sopran und ihre glaubwürdige szenische Darstellung (so gut das angesichts der zahlreichen Unsinnigkeiten auf der Bühne machbar ist), dann hätte ich glatt in der Pause die Segel gestrichen.

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