Tannhäuser / Darmstadt (22.4.2017)

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  • April 22, 2017

Drei Jahre lang war ich nicht mehr im Staatstheater Darmstadt gewesen, aber die Premiere des “Tannhäusers” hatte mich neugierig gemacht. Leider kann die neue Wagner-Produktion mit der letzten (“Tristan und Isolde”) nicht mithalten. Denn trotz vieler guten Stimmen und eines gelungenen Orchestersounds bremsen die Regie von Amir Reza Koohestani und Deniz Yilmaz in der Titelpartie den Abend vollkommen aus.

Eine bleischwere Lähmung greift bereits im ersten Akt um sich, denn bis auf ein großes Himmelbett und Videoprojektionen sieht man nichts – fast könnte man meinen, das Bühnenbild (Mitra Nadjmabadi) sei für eine Tournee hergestellt worden. Auch in den folgenden Akten macht die Bühne nicht viel her. Nun wäre das kein Problem, wenn man die Leere inhaltlich füllen würde. Der Iraner Koohestani enthüllt erst im zweiten Akt seine grundsätzliche Idee: er lässt “Tannhäuser” in einem muslimischen Staat spielen. Könnte unter Umständen funktionieren, aber dann sollte man sich schon seine Gedanken machen, welche Jungfrau Elisabeth eigentlich so anbetet, was Rom und der Papst damit zu tun haben und warum es überhaupt einen Wettgesang im pseudo-mittelalterlichen Minnestil gibt. Genau hieran scheitert die Regie auf voller Linie, da kann der kunstvolle Einsatz von Videotechnik wenig darüber hinwegtäuschen. Einen derartigen Mangel an Plausibilität habe ich jedenfalls schon lange nicht mehr auf der Bühne erlebt. Nun hat man Koohestani einen Co-Regisseur und Regie-Praktiker (Dirk Schmeding) zur Seite gestellt, was aber wenig genutzt hat. Die Auseinandersetzung zwischen Venus und Tannhäuser findet ihren Höhepunkt allen Ernstes darin, dass Venus ihren Geliebten mit dem Kopfkissen bewirft und den Vorhang des Himmelbettes abreißt.  Die Romerzählung bedeuten zehn geschlagene Minuten Rampensingen, ohne dass der Rollendebütant Yimaz einen Anspielpartner hätte. Die Buhrufe waren so unüberhörbar wie berechtigt. Das ist alles doppelt schade, denn die Verlegung der Handlung hätte tatsächlich funktionieren können. Aber dann hätte man – nur als ein Beispiel – den ersten Akt als eine Art sexuelles 1001-Nacht-Szenario umsetzten müssen.

Will Humbug und das Orchester spielen gegen die szenische Totgeburt an, so gut es geht. Und es geht verdammt gut, weit besser als zum Beispiel das Orchester der DOB Berlin vor einer Woche. Schön erdig die Holzbläser, flirrend die Streicher, heroisch das Blech. Ganz wunderbar klang auch der bestens präparierte Chor. Der Landgraf von Martin Snell hörte sich phasenweise etwas barsch, aber durchaus inszenierungskonform an, wenn man bedenkt, dass hier eher ein Osmin anstatt des liebenden Oheims gezeigt wird. Man hätte gern etwas mehr von Tuija Knihtiläs Venus verstanden, dennoch überzeugt die stimmgewaltige Mezzosopranistin in allen Lagen, die gut miteiander verbunden sind. Die ehemalige Karlsruherin Edith Haller gibt ihre “Gegenspielerin” Elisabeth. Wie schon früher ist der Sopran am Ansatz relativ vibratoarm, dann aber umso vibratoreicher beim Öffnen der Stimme. Das führt zu einer etwas flackerhaften Hallenarie und auch das Gebet im dritten Akt hat man schon beständiger gehört. Aber auch hier nimmt letztlich das jugendlich-warme Timbre für sich ein. Der jugendliche David Pichlmaier führt einen phasenweise tenoralen Bariton ins Feld, die Grenzen in der Tiefe (“wohl grüßt ich immer dich so gern“) sind durchaus vernehmbar. Pichlmaier gelingt jedoch als einzigem Beteiligten, die Zerrissenheit seines Charakters zwischen gesellschaftlicher Konformität und Individualität zu vermitteln, daher für mich die beste Leistung des Abends trotz einiger Texthänger.

Unfassbar fragwürdig empfand ich hingegen die Besetzung der Titelpartie mit einem Tenor, den man bestenfalls im Zwischenfach verorten kann. Yimaz, zudem und weiß Gott kein begnadeter Darsteller, teilt sich die Partie klug ein, aber über ein Mezzoforte kommt er halt beim besten Willen nicht raus – die “Erbarm dich mein”-Rufe erinnern in ihrer meditativen Ausstrahlung somit ein wenig an die Brangäne-Rufe. Seine Romerzählung mit Wiegeliedcharakter verfehlt das Thema nahezu vollständig. Und so kann Yilamz am Ende fast schon froh sein, mit lauwarmen Applaus abgespeist zu werden.

 

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