Die Walküre + Siegfried / Berlin (14.+15.4.2017)

  • 1
  • April 17, 2017

Waldsterben. Vokuhila. NATO-Doppelbeschluss. Schweißbänder. Tschernobyl. Dauerwelle. Aids. Helmut Kohl. Auch bei längerem Nachdenken will mir keine Dekade einfallen, welche apokalyptische Weltanschauung und schlechten Geschmack derart konsequent auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen vermochte. Der legendäre (ja, warum eigentlich ?) Ring von Götz Friedrich ist aus historischer Sicht eine wahre Fundgrube, atmet er doch genau jene Mischung. Zum wirklich letzten Mal soll er jetzt gespielt worden sein – dementsprechend hoch waren die Preise angesetzt.

Was von dieser Inszenierung nach über 30 Jahren noch übrig geblieben ist, das wüsste man gerne. Natürlich ist der Zeittunnel optisch ungeheuer beeindruckend, aber in besagtem Tunnel sehen wir hinsichtlich der Personenregie auch nichts anderes, als wir es an jedem x-beliebigen Ring zu sehen bekommen, sofern das angesichts der ungenügenden Beleuchtung in der “Walküre” überhaupt auszumachen ist. Die Esche hat eindeutig zuviel sauren Regen abbekommen und der Riesenwurm weckte längst verloren geglaubte Kindheitserinnerungen an die “Transformer”. (Wer nicht weiß, was das ist: es handelt sich um aus chinesischem Sondermüll produzierte Spielzeugautos, die sich in überdimensionierte Roboter verwandeln ließen.) Auch die Kostüme waren wohl mal hip, jetzt sind sie phasenweise an der Peinlichkeitsgrenze. Warum die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Deutsche Oper derart jubelte, das blieb mir und zahlreichen auswärtigen Opernfreunden bis zuletzt verborgen – an der musikalischen Umsetzung kann es erst recht nicht gelegen haben.

Die fing in der “Walküre” nämlich so mies an, dass ich drauf und dran war, die Karte nach dem ersten Akt zu verkaufen. (Hat leider nicht geklappt.) Stuart Skelton (Siegmund) fing vielversprechend an, fiel aber den merkwürdig verrutschenden Wälse-Rufen markant ab, klang zunehmend heiser und brach innerhalb einzelner Phrasen (“vereint [sind Liebe und Lenz]”) gar ab. Auch in der Todeverkündigung zeigte er sich nicht wirklich genesen. Seiner Zwillingsschwester lieh Eva-Maria Westbroek einen matronenhaften, ganz und gar unanhörbaren Sopran. Waren diese Wälsungen wirklich die vielversprechenden Titelsänger aus “Tristan und Isolde” von vor einem Jahr ? Und genauso wie Tobias Kehrer als Hundig noch die beste Figur im ersten Akt abgab, war es Daniela Sindrams sehr gezügelte, distinguierte Fricka im zweiten Akt. Denn deren Gatte wurde von Iain Paterson lautstärketechnisch sehr zurückhaltend und interpretatorisch überwiegend eintönig wie eindimensional interpretiert. Kein Wunder, wenn man am Abend zuvor noch den Kurwenal in München macht. In wenigen Augenblicken wie dem “Nur eines will ich noch, das Ende”, als Patersons Wotan dann in fahlem Licht, ohne Insignien der Macht verloren an der Rampe steht, da entsteht zum ersten (und auch einzigen) Mal so etwas wie dramaturgische Fallhöhe. Noch schlimmer stand es um die Wunschmaid. Evelyn Herlitzius’ Hojotoho-Rufe klangen wie Schluckauf und auch sonst zeigte sich ihre Brünnhilde wie so oft: als eine akustische Gratwanderung. Die Mittellage gefällt und das mädchenhafte Äußere passt wie die Faust aufs Auge, aber dieses blecherne Timbre in der Höhe, dieses Quartenschleudern im Forte macht so gar keinen Spaß. Ganz ehrlich – da hatte ich in Wiesbaden oder Karlsruhe zuletzt die bessere Besetzung: da tat das Zuhören zumindest nicht weh. Erschreckend schwach, da inhomogen und rhythmisch unpräzise war das Walküren-Oktett.

Im “Siegfried” klang dann vieles besser, leider jedoch nicht Samuel Youn, der Töne derart grob heraus blökt, dass man sich an Lance Ryan erinnert fühlt. Blass blieben auch Werner van Mechelens harmloser Alberich und – wohl auch inszenierungsbedingt – der Fafner von Tobias Kehrer. Apart klang hingegen das Waldvöglein (Name entfallen), urgewaltig die Erda von Ronnita Miller. Burkhard Ulrich gibt als Mime eine Lehrstunde zu feinem Spiel, Textverständlichkeit und Gesangskultur. Da sieht man über den einen groben Texthänger im ersten Akt gerne hinweg. Gespannt war man vor allem auf Ricarda Merbeths Debüt als Bünnhilde – überzeugt war man weniger, zu unstet beginnt sie mit ihrem “Heil dir, Sonne”. Zu lange dominiert das hörbare Vibrato, bis sie zu “Ewig licht” dann die richtige Tonlage findet und trifft. Wäre also der überragend gute Siegfried von Stefan Vinke nicht gewesen, dann hätte ich es wie meine Sitznachbarn gemacht und den zweiten Akt in irgendeinem Cafe verbracht. Vinke klingt manchmal etwas kehlig, besitzt aber ein nie versiegendes Reservoir an Kraft, kann diese aber im Gegensatz zu Schager bündeln und zivilisiert anwenden. Da wird nie gebrüllt, sondern immer gestaltet. Auch die dynamische Differenzierung kommt bei ihm nicht zu kurz.

So, und jetzt noch ein paar Worte zu Donald Runnicles, der vor (!) dem ersten “Siegfried”-Akt bereits mit “Bravo Maestro”-Rufen selig gesprochen wurde. Der präferiert gedehnte Tempi (Geschmacksfrage), besitzt aber nicht die Fähigkeit, die Spannung aufrecht zu erhalten, so dass die ersten beiden Vorspiele im “Siegfried”, aber vor allem die Todesverkündung sich zu wahren Geduldsproben entwickelen. Am Ende des selben Aktes zerfasern die einzelnen Orchesterstimmen vollständig, da wollten die einzelnen Musiker wohl unterschiedlich schnell endlich in die Kantine. Natürlich gibt es einzelne Patzer – die wären verzeihlich – aber im direkten Vergleich zur Staatsoper am Gründonnerstag lag da eine kleine Welt.

Fazit: Das auswärtige Eventpublikum verquatscht den Walkürenritt, lacht wie selten über Petitessen, wo gestählte Wagnerianer bestenfalls schmunzeln (“Das ist kein Mann”) und jubelt sich den Abend schön; der Altberliner ergötzt sich ein letztes Mal an “seinem” Ring und schwelgt in Erinnerungen an bessere Aufführungen; der Verfasser dieser Zeilen ist ratlos ob eines ethischen Dilemmas: ist es besser, 120 Euro für zehn unterdurchschnittliche Wagner-Aufführungen in Wiesbaden oder zwei Ring-Teile in Berlin zu verbraten ?

Share Button
(Visited 124 times, 1 visits today)