Die Frau ohne Schatten / Berlin (13.4.2017)

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  • April 16, 2017

Wer macht das Rennen ? BER oder Staatsoper ? In jedem Falle haben Bauprojekte die Neigung, weit mehr Geld zu kosten als ursprünglich veranschlagt, was die wahrhaft gesalzenen Preise – unter 60 Euro geht gar nix- erklären könnte. Man nimmt das Geld eben auch an der Spree von den Lebenden, so dass die Noch-Nicht-Geborenen nicht in alle Ewigkeit blechen müssen ….Passenderweise wählte man die “Frosch” als Eröffnungspremiere für die Festtage der Staatsoper am Schillertheater, jenes esoterisch anmutende Machwerk des Richard Strauss mit misogynem Einschlag und jugenstillastigem Libretto. Immer wieder frage ich mich, warum dieses Werk mich dennoch in seinen Bann zieht wie kaum ein anderes. Claus Guth drückt sich in dieser Inszenierung ein  wenig vor diesen Fragen, indem er sich wie so viele andere seiner Kollegen aufs reine Psychologisieren verlegt. Das klappt allerdings  ganz gut und trägt auch einen Großteil des Abends, auch wenn die Menschen mit Tierköpfen oder die sich im Bett krampfhaft windende Kaiserin dann und wann Assoziationen an Disney (“Lion King”)  bzw. den Horrorstreifen “Der Exorzist” aufkommen lassen. Guth rückt die Titelfigur – eigentlich logischerweise – ins Zentrum der Erzählung. Sie ist ununterbrochen auf der Bühne und erlebt das Geschehene wie einen Albtraum, weshalb die Färberin im selben Kostüm erscheint. Die Amme nimmt in den Traumsequenzen das Aussehen eines Wasserspeiers an.

Den ersten (halben) Akt war ich vom Dirigat Zubin Mehtas enttäuscht. Die Staatskapelle klang anfangs arg breiig, und die einzeln herausgearbeiteten Instrumente stachen manchmal merkwürdig grell hervor. Auch das betont-dominante Vibrato der Streicher wie zum Beispiel das Cello-Solo im zweiten Akt hätten etwas weniger Süße vertragen. Sieht man davon ab, dann war jedoch ein himmliches, makelloses Dirigat zu erleben, das sich hemmungslos dem Romantischen hingab und die chiffre-lastige Inszenierung auf interessante Art und Weise komplementierte.

Für die Rolle des Kaisers war ursprünglich Johan Botha eingeplant gewesen, und Burkhard Fritz kann bei aller handwerklichen Solidität nicht an den verstorbenen Südafrikaner heranreichen. In der Mittellage strömt die Stimme frei, verengt sich aber in der Höhe, weshalb auch der letzte Ton in der Falknerhausszene ausgelassen wird. Michaela Schusters Darbietung der Amme wird von Mal zu Mal abgründiger. Mit welcher stimmlichen Mischung aus Boshaftigkeit und Liebreiz sie ihre Mitmenschen manipuliert, das ist wirklich vom Feinsten. Brava ! Ebenfalls routiniert, aber eben ohne Nachhaltigkeit gab Wolfgang Koch den Barak. Klar, er kann die Rolle aus- und inwendiglich, aber ich vermisste bei ihm wie so oft den nötigen Balsam in der Stimme. Können sich nicht mal Michael Volle oder Bryn Terfel dieser Partie annehmen ?

Gleich zwei Rollendebüts machten die Produktion auch für “Frosch”-Enthusiasten interessant: Irene Theorin beginnt als Färberin mit viel Wärme und Wohlklang. Im Laufe des Abends hört man dem Sopran die zahlreichen Brünnhilden und Elektras durchaus an, so dass bei ihrem Solo im dritten Akt auch mehr als ein Ton schriller als nötig klang. Eine Klasse für sich hingegen war Camilla Nylund als Kaiserin, die sogar ihrer kurzen Sprechszene unfassbar viel Leben einhauchte. Mit welcher Souveränität sie die gefürchteten Killerphrasen auf einen Atem sang und gleichzeitig die exponierten Hochtöne ewig zu halten vermag – das war beispiellos. Ihre Leistung alleine lohnte den weiß Gott nicht billigen Abend.

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