Tosca / Baden-Baden (7.4.2017)

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  • April 7, 2017

“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern” – für die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle hieß das Schmuddelkind ganz lange Puccini. Erst vor drei Jahren nahm man sich der “Manon Lescaut” an und traute sich nun an den Repertoire-Schinken schlechthin heran: die “Tosca”. Und das gelang ganz hervorragend. Man ist als Dirigent ja immer in der Zwickmühle:  möchte man – oft krampfhaft bemüht – originell sein oder  in vorhersehbar-altbekannten Fahrwassern segeln ? Rattle entschied sich für einen extrem zügigen Anfang, so dass man sich in wenigen Augenblicken in medias res befand. Und so stelle Rattle das Dirigat der glanzvoll aufspielenden Philharmoniker ganz in den Dienst der radikalen Theatralik des Stoffes. Phasenweise vernimmt man aus dem Graben extreme Lautstärken, aber eben nie vordergründig oder auf Effekt bedacht, zumal stets sängerfreundlich. Das Te Deum wiederum beginnt überaus vorsichtig, herantastend, und formt sich dann zu einem packenden, alles verschlingenden Sog. Beim Schlussapplaus hatte Sir Simon die Nase jedenfalls weit vorne – vollkommen verdient !

Bei den Sängern muss schon der eine oder andere Zweifel angemeldet werden. Natürlich hat man am Festspielhaus Geld genug, um kleine Basspartien wie die des Angelotti oder des Mesner mit Alexander Tsymbalyuk bzw. Peter Rose hochkarätig zu besetzen. Aber ohne die drei Hauptpartien ist eine “Tosca” letztlich sinnlos. Die wenigsten Zweifel gab es bei Marcelo Alvarez, den man hierzulande viel zu selten hören kann. Ein richtig italienischer, frei strömender Tenor wie aus dem Bilderbuch und in stimmlicher Hinsicht mein bester Cavaradossi seit langem. (Ja, das schließt Jonas Kaufmann ausdrücklich mit ein.)  Gewiss, ein wirklich begandeter Darsteller ist der Argentinier nicht, etwas altmodisch-routiniert wirkt die eine oder andere Bewegung, aber bei so viel Schmelz und Emotionalität fällt es mir sehr leicht, darüber hinwegzusehen. Selten hat man ein derart verzweifeltes “E luccevan le stelle” gehört, bei dem jedoch auch kleine Probleme, wie die relative Kurzatmigkeit mancher Phrasen, bemerkbar waren. Gleichwohl, ein derart berührendes Piano hat man selten in dieser Partie vernommen. Wunderbar!

Evgeny Nikitin klingt für die Partie des Scarpia fast zu hell timbriert, die Darbietung schwankt zwischen beklemmend und angsteinflößend. Wie er Tosca an Ende des ersten Aktes nachläuft, stehen bleibt, erneut hinterher geht – das sieht aus wie ein Bluthund, der Witterung aufgenommen hat und nie wieder loslassen wird. An einen Michael Volle oder Bryn Terfel aus der Sommergala an gleicher Stelle letztes Jahr darf man aber besser nicht denken. Dort war seine Bühnenpartnerin übrigens Anja Harteros. Nun ist die zur Zeit in Salzburg, aber Kristine Opolais kann eigentlich mit keiner meiner bisherigen Toscas mithalten, da fand ich neben der schon erwähnten Harteros sowohl Liudmyla Monastyrska in Berlin als auch Adina Aaron in Wiesbaden weitaus besser. Die Stimme klingt für mich in leiseren Passagen merkwürdig altbacken, so dass Opolais ihr Heil auch beim “Vissi d’arte” im Forte sucht. Sie wirft sich allerdings mit ungeheuer viel Leidenschaft in die Rolle (mehr als ihre beiden Bühnenpartner zusammengerechnet) und kann somit ihre sängerischen Unzulänglichkeiten gekonnt verbergen. Eine “Tosca” für die Bühne – jedoch auf keinen Fall für den Plattenschrank.

Man hätte gerne gewusst, inwieweit Philipp Himmelmanns Sichtweise dazu beigetragen hat, dass der Funke nicht so ganz zünden wollte. Im ersten Akt verläuft sich im riesigen Raum die Handlung all zu oft, in Akt II und III nimmt die emotionale Dichte angesichts des sich zunehmend verkleinernden Bühnenraums hingegen zu. Besonders im zweiten Akt gelingt im Zusammenspiel mit dem kalt-abweisenden Bühnenbild (Raimund Bauer) und gelungenen Videoprojektionen ein erschreckend moderner Zugriff auf eine Handlung, die man oft nur mit Puder, Perücken und barockem Plunder zu sehen bekommt. Scarpia trägt hier, wie seine Handlanger, schwarze Uniform und weißblonden Haarzopf  – so wie auch die Choristen zum Te Deum.  Eine wahrhaft abgründige Vorstellung einer gleichgeschalteten Gesellschaft. Ebenfalls interessant ist die Aufwertung des Hirtenjungen, dem sich der Mesner bereits im ersten Akt immer wieder aufdringlich nähert – und der dann wiederum von Cavaradossi in der Bildnisarie direkt angesungen wird. Soweit, so gut. Lagen die vehementen Buhrufe – für Baden-Baden eher ungewöhnlich – also daran oder doch eher, dass Cavaradossi mit einem Bolzenschuss eliminiert wird und auch Tosca am Schluss dasselbe Gerät Spoletta entreißt und sich selber damit anstelle eines Sprunges von der Engelsburg richtet ? Oder vielleicht doch, dass die Beziehung zwischen Maler und Sängerin den ganzen Abend eigentlich nicht über das Prädikat “lauwarme Liebe” hinauskam ? Oder dass Toscas “Presto su” von einem der Schergen gefilmt wurde, was ja klar der Bühnenlogik widerspricht ?

Wie dem auch sei: der Besuch lohnte allemal.

 

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