Siegfried / Wiesbaden (2.4.2017)

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  • April 3, 2017

Nach einem ereignislosen “Rheingold” und einer “Walküre“, die vom viel zu frühen Tod des Wotans von Gerd Grochowskis überschattet wurde, konnte man in Wiesbaden nun so etwas wie einen verspäteten Aprilscherz erleben.

Monsieur Laufenberg ist zu diesem “Siegfried” so gar nichts eingefallen – weder zur Titelpartie noch zum Werk selber. Und wir wissen ja, was die fleischgewordene Larmoyanz auf zwei Beinen macht, wenn ihr nichts einfällt. Richtig, man greift zu Videoeinspielungen. So nimmt im ersten Akt eine riesige Projektionsfläche die Hälfte der Bühne ein, auf der wir dann bei der Rätselszene Stahlarbeiter (Nibelungen), Frachthäfen (Riesen) oder Dekadenzdarbietungen in Form von Yachten, Parties und allem anderen sonst (Walhall) sehen. Das ist ja immerhin noch dekorativ, aber die Bildschirmschonerqualität bei der Nothungszene ist derart läppisch, dass man aufspringen und Laufenberg einfach mal eine Ohrfeige geben möchte. Und für eine vollkommen unmotivierte Personenführung, bei der jeder macht, was er will und die den Anschein erweckt als handle es sich um eine schlecht geprobte Wiederaufnahme gleich noch eine zweite. Banalitäten, Nichtssagendes und Hirnrissiges wie den Drachenkampf in Form eines Videospiels wechseln sich im zweiten Akt dann ab, ehe im dritten Akt dann die bloße Langeweile Einzug hält. Man achte allein schon auf die zahlreichen unsinnigen Auf- und Abgänge, die zum Statistendasein verdammten Choristen (arme Schweine), die Siegfried und Waldvöglein nach dem Tode Fafners umwuseln müssen, unter anderem in Form eines Reporters. Die schlimmste Anbiederung an den vermeintlichen Zeitgeist ist jedoch Nothung, das hier als bloße Fernsteuerung verwendet wird. Dieser Siegfried ist ein digital native und spielt den (natürlich verpatzten – wir sind ja in Wiesbaden) Hornruf vom Tablet ab. Ansätze von Buhrufen sind bereits im zweiten Akt dann zu vernehmen, als die Musik kurz stoppt und die Übertitel “Hier ruhte das Werk 12 Jahre” anzeigte. Klar, das ist wichtig. Fehlt nur noch, dass Laufenberg bei der “Götterdämmerung” in bereits drei Wochen (!) dann aus purer Verzweiflung Leitmotive anzeigen wird. Aber ich bin jetzt besser still, sonst bring ich diesen Blender noch auf dumme Ideen…..

Bei diesem Harakiri-Unternehmen könnte auch die beste musikalische Umsetzung nichts mehr helfen. Aber die gibt es eben auch nicht, was den Abend doppelt versaut. Alexander Joel fängt im Graben sogar ordentlich, wenn auch nicht originell an, aber das hatte ich nach dem bisher gehörten schon gar nicht erwartet. Im dritten Akt war die Konzentration hinüber und Kiekser im Dutzend verursachten in meinem direkten Sitzumfeld Kopfschütteln und Heiterkeit. Aus irgendwelchen Gründen zog Joel mehrfach mit dem Tempo an und brachte die Sänger in zusätzliche Schwierigkeiten. Der Eindruck mangelnder Probearbeit kam auch hier auf.

Bei den Sängern war auch kein Blumentopf zu gewinnen. Stella Ans Esperanto-Waldvöglein und Bernadette Fodors intonationsunsichere Erda machen keine Lust auf ein Wiederhören, einzig der belkantesk gesungene Alberich von Thomas de Vries. Man fragte sich daher kurz, ob es nicht zielführender gewesen wäre, die Rolle mit dem bärbeißigen, gen Ende auch etwas nasalen Jukka Rasilainen zu tauschen, der die Rolle des Wanderers von Gerd Grochowski übernommen hatte. Sonja Gorniks Timbre muss man nicht mögen, aber sie findet die richtigen Töne und besitzt eine solide Höhe für die Brünnhilde – der “leuchtende Sproß” war sogar etwas zu hoch. Matthäus Schmidlechner singt zwar sehr schön auf Linie, fast schöner als ein Ziehsohn, beraubt dem Mime aber damit einen Großteil seiner Bösartigkeit.

Das größte Fragezeichen des Abends war aber Andreas Schager. Ich habe sein Rollendebüt vor knapp vier Jahren erleben dürfen und war mir sicher, dass aus dem Österreicher etwas ganz Großes werden könnte. Geirrt habe ich mich nicht, aber das entbindet einen Sänger nicht von seiner Pflicht, die Darbietung seiner Partien zu vertiefen und zu verbessern. Ganz konkret: so viele Texthänger und -dreher, rhythmische Unsicherheiten und Aussetzer (vor allem im Schlussduett) habe ich bei bisher keinem Siegfried erlebt. Das mutet besonders dann peinlich an, wenn Schager, von seiner eigenen vokalen Kraft wie berauscht, zur Phrase ansetzt und dann mittendrin merkt, dass er den Text halt doch nicht bis zu Ende weiß und dann irgendetwas singt. Auch der fehlende Mut zum Piano irritiert – erst bei “Im Schlafe liegt eine Frau” können wir es hören, dann allerdings fast zu spät. Vom Typ her ist diese Partie ideal für den Naturburschen, aber es ist Schager anzuraten, sich mit der Partitur noch mal einen Monat intensiv auseinanderzusetzen, ehe er uns eine derartig wacklige Angelegenheit erneut präsentiert. In Wiesbaden mag man damit noch durchkommen, an größeren Häusern nicht. (Dort hätte man Laufenbergs Regiekonzept aber eh in die Tonne getreten – insofern ist das dann auch wieder egal.)

Wer meine Karte für die Premiere der “Götterdämmerung” (€12.-) haben möchte, möge sich gerne bei mir über die Kommentarfunktion bei mir melden.

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2 Comments

  • u.Fortuna says:

    “fleischgewordenen Lamoyanz” ist dann doch unangemessen persönlich – Schade, denn sonst gefällt mir Ihr Esprit.

    • admin says:

      Waren Sie mal auf Laufenbergs Homepage ? Da tut sich der Mann unentwegt selber leid, wenn es um Kritik und Kritiker geht. Daher die Wortwahl. Dennoch danke für Ihren Kommentar.