Adriana Lecouvreur / Karlsruhe (1.4.2017)

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  • April 1, 2017

“Endlich!” möchte man ausrufen. Endlich hat man es nach der verunglückten “Boheme” und dem unterirdischen “Macbeth” an diesem Haus geschafft, eine Inszenierung für die Hausprimadonna auf die Bühne zu bringen, die – bei aller inhaltlichen Kritik – einem nicht den Besuch der Folgevorstellungen zu verleiden vermag.

Katharina Thoma hat sich des veristischen Schmachtfetzens von Franceso Cilea angenommen und beweist vor allem bei den Theaterszenen großes Geschick für Timing und Emotionalität. Dirk Becker kreierte auf der Drehbühne eine alte Barockbühne mit historisierenden Kostümen (Irina Bartels), lässt die Akteure im realen Leben jedoch im Heute spielen. Das klappt gut. Auch das Ballett in Form eines Schattenspiels im dritten Akt ist sehr gelungen. Im zweiten Akt vermisst man dann jedoch die Intensität und auch handwerkliches Geschick – der Versteck- und Fluchtszene mangelt es an Klaustrophobie und Effekt, zumal der Verlust des Armbandes nicht wirklich erkennbar ist. Im vierten Akt misstraut Thoma der Handlung dann vollkommen und lässt eine um Jahrzehnte gealterte Adriana auftreten – die vergifteten Blumen, das Erscheinen des weiterhin jungen Maurizios sind nichts als Fiktion und erinnern ob des dominierenden Weiß fatal an eine “Traviata”. Warum sich die Regie dafür entscheidet, das weiß nur sie allein – den im Programmheft angegebenen Grund (“Schmonzette”) empfinde ich als vorgeschoben und besserwisserisch. Nichtsdestotrotz schaut man immer gerne auf die Bühne, kein Fremdschämen wie so oft – stattdessen eine unterm Strich passable Regie mit vielen schönen Momenten, welche die Fragwürdigkeiten meist zu kaschieren vermag.

Johannes Willig entschied sich für einen gar nicht mal effekthascherischen Zugang zur Partitur. Das war bestimmt der etwas leichten Besetzung des Maurizios und der Principessa geschuldet, zeigt aber interessante Querverbindungen auf. So klingt die Einleitung des vierten Aktes fast schon nach dem Vorspiel des dritten “Tristan”-Aktes….

Die Fürstin der Fredrika Brillembourg ist – wie schon erwähnt – eher leicht besetzt, was zunächst kein Problem ist, handelt es sich doch um eine zutiefst verunsichere Frau. Das “Acerba voluttà, dolce tortura” klang dementsprechend mehr verängstigt als kampfeslustig. Störender empfand ich hingegen, dass die stimme zu Beginn sich fast in zwei unterschiedliche Register aufteilte. Nach seinem Cavaradossi gab Rodrigo Porras Garulo erneut einen eher lyrischen als kraftmeierischen Helden; das “La dolcissima effigie” profitiert davon mehr als seine Kriegserzählung (“‘Il russo Mencikoff”). Beide blieben jedoch darstellerisch blass und so kam es, dass bis zum vierten Akt Seung-Gi Jung als ungewohnt juveniler Michonnet den eindringlichsten Moment hat, als er über seine unerwidert bleibende Liebe zu Adriana reflektiert. Diese hat sich – so scheint es – zu Beginn noch nicht gänzlich eingesungen; das “Io son l’umile ancella” klingt noch nicht so rund, wie man es von Barbara Dobrzanska eigentlich erwartet hätte. Danach blüht die Stimme aber regelrecht auf und man badet in dem so vertrauten, warmen, kraftvollen Klang, der dann in der Veilchenszene ohne Veilchen mit den “Poveri fiori” den Höhepunkt des Abends findet. Dass Dobrzanska eine beeindruckende Sprechstimme ihr Eigen nennen kann, trägt zur Glaubwürdigkeit des porträtierten Charakters einer Starschauspielerin im frühen 18. Jahrhundert natürlich wesentlich bei.

Fazit: es geht doch ! Und die B-Besetzung macht den erneuten Besuch fast zur Pflichtveranstaltung.

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