Tannhäuser / Monte Carlo (25.2.2017)

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  • February 27, 2017

Monte Carlo steht in der Regel nicht im Zentrum kultureller Innovation. Dass sich das kleine Fürstentum ausgerechnet wegen seines Opernhauses im Feuilleton, und nicht aufgrund der kreativen Gesetzgebung zwecks Steuerhinterziehung am Pranger finden würde, damit hätte wohl keiner gerechnet. Denn das Mini-Haus – es fasst gerade einmal 600 Zuschauer – hatte mit einem “Tannhäuser” die Aufmerksamkeit der weltweiten Wagnergemeinde erregt. Sicher auch wegen des Rollendebüts von José Cura, aber erster Linie wegen der französischsprachigen Fassung.

Gespielt wurde als die Pariser Fassung, soll heißen mit Bacchanal und ohne des Preislieds von Walther von der Vogelweide, in der Übersetzung von Charles Nuitter. Da dies ist ein Opern- und kein Romanistenblog ist, soll hier keine “Oper gequatscht” werden über die philologischen Qualitäten. Sie erschien mir beim ersten Hören als gelungen, obgleich das Hinzufügen oder auch Weglassen einzelner Silben den mit so vertrauten Fluss der Melodie merkwürdig sperrig erschienen ließ. Dabei handelte es sich keineswegs um Unbehagen an der ungewohnten Sprachfassung, immerhin hatte ich schon ein englischsprachiges “Rheingold” und “Siegfried” (an der ENO London) erlebt und dies durchaus als Gewinn verbucht. Nein, viel eher erschien mir gerade das klassisch Strophenhafte, was wir hier beim “Tannhäuser” ja weit häufiger antreffen, irgendwie nicht immer ausbalanciert, die Übergänge der einzelnen Silben eher willkürlich als logisch-verbindlich. Gleichwohl, durch die neue Sprache eröffnen sich neue Horizonte – anstatt anderer Werke Wagners hört man nun Parallelen zu den frankophonen Zeitgenossen Wagners. Eine spannende, da wirklich neue Erfahrung !

Die Inszenierung des Hausherrn Jean-Louis Grinda ist gefällig-vorhersagbar. Dass gerade einmal vier Tänzerinnen aufgeboten werden, führt das Bacchanal ein wenig ad absurdum, aber die kleine Bühne gibt eben nicht mehr her. Somit sehen wir Henri, wie Tannhäuser hier logischerweise heißt, im Opiumrausch. Die Tänzerinnen ähneln der an die Stepford-Wife erinnernde Venus (im etwas altbackenen Boudoir-Look) auf ein Haar und vollführen mechanisch-erotische Bewegungen. Nachvollziehbar, dass sich der Gast satt gesehen hat. Aude Extrémo betörte als Hausherrin im Venusberg (der in der Übersetzung genau gleich hieß) mit warmer, erotischer Mittellage, und einer etwas erkämpften Höhe. Im zweiten Akt irritierte Annemarie Kremers Elisabeth anfangs mit kleineren Intonationstrüben, Steben Humes Landgraf mit jugendlichem, aber dennoch sattem Bass und – im Gegensatz zur Nichte – vorbildlichem Französisch. Im dritten Akt tötet sich Elisabeth dann durch Aufschneiden der Pulsadern, Wolfram möchte ihr es gleichtun, wird aber von Elisabeth aufgehalten. Jean-Francois Lapointe sang den Konkurrenten Tannhäusers gänzlich uneitel, ohne die oft zu vernehmende Liedsängerattitüde und feinem Gespürt für die Idiomatik der Partie. Er war an diesem Abend der einzige Sänger, bei dem sich irgendwie alles “richtig” anhörte. Am Ende führt Tannhäuser ihn dann übrigens in die Arme der Venus, während er von der Wartburggesellschaft erschossen wird.

Und Cura himself, pardon – lui-meme ? Schwer zu sagen. Als im italienischen Fach gestählter Tenor stellt die Tessitura der Partie für den Argentinier naturgemäß kein Problem dar, ähnliches hatte ich auch mal beim oft so gescholtenen Franco Farina in der gleichen Partie in Hamburg erlebt. Allerdings wirkte Cura über weite Strecken des Abends irgendwie abwesend, unbeteiligt und auch sonst nicht ganz auf der Höhe seiner Könnerschaft, die ihm auch “Gegner” schwer absprechen können. Er schien beim Schlussapplaus um Mitternacht fast froh zu sein, dass “es” rum war. Dabei hatte er vor allem in den leisen Stellen unglaublich eindrückliche Momente liefern können; auch die Romerzählung besaß ausreichend Intensität. Dass sein Französisch nicht besonders französisch klingt, das wog dann aus meiner Sicht mindestens genauso schwer. Ob Cura nun Nasale sang oder nicht, das war rein willkürlich, wodurch er die ansonsten gelungene vokale Gestaltung der Partie hörbar seiner Wirkungsmacht beraubte.

Umwerfend, und neben dem Abschied von Kent Nagano in der selben Oper war dies mein vielleicht bestes “Tannhäuser”-Dirigat. Nathalie Stutzmann, weiß Gott keine natürliche Wahl für dieses Werk, merkte man an, wie viele und welche Gedanken sie sich zuvor gemacht hatte. Und das Orchester folgte ihr mit einer makellosen Spielkultur. So hörte man in der Ouvertüre beim Pilgermotiv ungewohnte und musikalisch effektive Riterdandi, die Streicherfolgen erklingen beim Venusberg warm, so ganz ohne Hysterie – die vernimmt man dann erst beim Bacchanal.

Wird sich diese interessante Fassung international durchsetzen ? Mein Tipp lautet dennoch: nein. Gäbe es in Frankreich klassische Ensemblehäuser, ohne staggione-Prinzip, dann gäbe es Hoffnung, aber wenn man bedenkt, dass man selbst in Frankreich häufiger den italienischen statt des muttersprachigen “Don Carlo” zu hören bekommt, dann sehe ich eher schwarz. Und welcher Heldentenor hätte schon große Lust, gleich zwei Fassungen derselben Mörderpartie zu erlernen ? Konzertant mag es vielleicht eher Hoffnung geben – da wäre aber eine rein französische Besetzung dann wirklich wünschenswert. Roberto Alagna, Veronique Gens, Sophie Koch – und gerne erneut Jean-Francois Lapointe. Das wäre doch was.

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