Tosca / Berlin (17.2.2017)

  • 0
  • February 20, 2017

Sperrminoritäten kennt man in der Regel aus der Politik und auch dem Wirtschaftsrecht. In der Oper ist dieses Konzept eher weniger geläufig, aber bei der “Tosca” am letzten Freitag hatte das Gelingen des Abends eine Sperrminorität. Diese lautet auf den Namen Alvis Hermanis.

Der hat nämlich die Regie zu verantworten, eine Regie, welche sich durch Blutleere, handwerkliche Mängel und inhaltliche Fragwürdigkeiten auszeichnet. Man kann darüber hinwegsehen, dass Tosca (mit Hut !) in der Kirche erscheint, ohne dass Cavaradossi ihr aufschließen muss (obgleich das Libretto etwas anderes nahelegt) oder die Sternenarie singt, während der Wärter seelenruhig daneben sitzt, Butterbemme kauend.

Nein, Hermanis erzählt gleich zwei Geschichte auf einmal: zum einen die originale als projizierte graphic novel, bei der die Hauptpersonen in Kostüme des frühen 19. Jahrhunderts und klassisch-klischeebeladenen Operngesten gezeichnet werden und zum anderen im Look des späten 19. Jahrhunderts in Echtzeit, also live. Kann man machen, aber letztere wird ganz anders erzählt als man sie sonst kennt: Cavaradossi und Tosca sind wohl nicht sonderlich verliebt (jedenfalls erinnert ihre Planung der Liebesnacht eher an eine Debatte, wer nun heute Abend die WG-Küche benutzen darf), Tosca scheint viel eher von Scarpia erotisiert zu werden. So ist sie es auch, die sich an ihn heranmacht. Ergibt dummerweise so gar keinen Sinn, vor allem im zweiten Akt. Und da die Projektionsfläche der graphic novel der Sichtbarkeit wegen weit nach vorne geschoben werden muss, sehen wir das ganze “Drama” auf besonders engem Raum, Bewegungsmöglichkeiten gibt es kaum.

Domingo Hindoyan leitete die Staatskapelle akkurat, am Anfang etwas zu preußisch vielleicht, aber immer gut koordiniert. Den Szenenapplaus aber gleich zweimal abzuwürgen, das war schon ein wenig kleingeistig…..

Sängerisch war der Abend in erster Linie wegen des Debüts von Erwin Schrott als Scarpia interessant. Beziehungsweise “hätte interessant sein können”, denn in dieser Regie sperrt sich alles gegen das Bühnencharisma des uruguayanischen Basses, dem jegliche Insignien der Macht (Uniform, Scherpe, SS-Ledermantel, was weiß ich) fehlen und der weniger aus einer Amtsstube oder einem Folterkeller, als einem Catwalk entstiegen schien.  Von den drei Hauptdarstellern besitzt er das kleinste Stimmvolumen, was aber angesichts der “Größe” des Hauses sehr angenehm war, zumal er beim “Te Deum” er keine Probleme hatte. Die Höhe war im zweiten Akt phasenweise (“mia, mia”) etwas knapp, aber das soll es mit Kritik auch gewesen sein, denn die steht angesichts dieser Szenerie eh unter Vorbehalt.

Yonghoon Lee kann in erster Linie laut singen. Seine Bildnisarie klingt erschreckend martialisch, und wenn er es doch mal versuchte, ins Piano zu gehen (“disciogliea”), klang das alles sehr strohig. Das trotzige “La vita mi costasse” konnte man bestimmt noch an der DOB hören….

Umwerfend, wenn in den ersten Minuten auch etwas unstet,  war Liudmyla Monastyrska in der Titelpartie. Grandiose Höhen, extreme Auslotung der dynamischen Palette und ein samtweiches Timbre lassen verstehen, warum ihr ganz Rom zu Füßen liegt. Und Scarpia ihr an die Wäsche wollte, falls kein Kretin Regie führt. Mögen Hermanis in der Zukunft die Türen an vielen Opernhäuser versperrt bleiben….

Share Button
(Visited 107 times, 1 visits today)