Edward II. / Berlin (19.2.2017)

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  • February 20, 2017

Uraufführungen von Opern erinnern oftmals Pressemitteilungen der FDP – man nimmt sie zur Kenntnis, eventuell sogar wohlwollend da vom “Mainstream” abweichend – aber legt sie dann auch schnell wieder beiseite. Es gibt ja wichtigeres. Die neue Oper von Andrea Lorenzo Scartazzini (Musik) und Thomas Jonigk (Libretto), die gestern an der Deutschen Oper Berlin ihre umjubelte Uraufführung feierte, besitzt hingegen den Anspruch, nachhaltiger, dauerhafter zu sein.

Die Autoren greifen dabei mit dem englischen König Eduard II auf eine Ikone der Schwulenbewegung zurück – die bereits vom Christopher Marlowe eine Dramatisierung erfahren hatte, die mit vielen Historien des Shakespeare-Zeitgenossen durchaus mithalten kann. Die Autoren greifen allerdings nur begrenzt auf die literarische Vorlage zurück, sondern “machen ihr eigenes Ding” draus, so dass hier vielmehr von einem “Peter Grimes des 21. Jahrhunderts” sprechen könnte. Besonders die Fähigkeit Jonigks, übrigens ganz im Sinne des comic relief der elisabethanischen Theaterpraxis, Humor mit Tragik zu verknüpfen, zeugt von bemerkenswerter Könnerschaft. Wenn sich da zum Beispiel zwei Geistliche über streikende Henker echauffieren oder die Konstruktion der Guillotine vorwegnehmen (“Alles eine Frage der Logistik” – “Klingt unchristlich” – “Wäre aber effektiv”), dann sind das wunderbar skurrile Momente, welche die Tragik der ohne Umschweife und Verschlüsselungen gezeigte Liebesbeziehung zwischen König und dessem Günstling Gaveston gekonnt auszubalancieren vermag, ohne dass letztere ins Kitschige abgleitet. Die Verknappung auf gerade einmal anderthalb Stunden in zehn Szenen ist jedenfalls vollumfänglich geglückt, obgleich sogar eine Figur des Engels (Jarrett Ott mit solidem Bariton) eingeführt wird.

Thomas Sondergard leitet das üppig besetzte Orchester mit viel Gefühl für die komplexe Partitur und nötiger Umsicht, zumal der hervorragende Chor viel zu tun hat und dies auch sehr gut tut. Die Partitur des Schweizer Komponisten erinnerte bei aller Prägnanz und Anhörbarkeit – soviel Wasser muss schon in den Wein – schon öfters mal an seinen “Sandmann”, den ich erst im September in Frankfurt gehört hatte. Bestimmte vokalkompositorische Marotten (Phrasen enden öfter mal auf drei hoch gesungenen Tönen auf gleicher Höhe) traten halt deutlicher zu Tage, was den Genuss des Gehörten jedoch nicht schmälern soll.

In der Titelpartie konnte man den Hochkaräter Michael Nagy gewinnen, er sing-spielt diesen König in aller Zerrissenheit und Zweifeln, ohne ihn dabei besonders sympathisch wirken zu lassen. Seinem Lover leiht Ladislav Elgr seinen baritonalen gefärbten Tenor und ein fesches Äußeres. Dass Regisseur Christoph Loy – wie schon im Sandmann – einen attraktiven Sänger im weißen Feinripp auf die Bühne stellt, sollte dabei bei allem optischen Vergnügen jedoch nicht Dauerzustand werden. Ansonsten dürften auch Nichtleser des Programmheftes keine größeren Probleme gehabt haben, der Handlung zu folgen und die Motivation der Charaktere zu verstehen, da ist Loy Profi durch und durch. Agneta Eichenholz führt als Königin Isabella erneut einen warmen wie höhensicheren Sopran ins Felde. Die sexuelle und emotionale Frustration macht sie ausreichend deutlich – kein Wunder, dass sie mit Roger Mortimer (Andrew Harris mit sattem Bass und erschreckend bemerkenswert aktuellen Zeitbezug zur Formbarkeit der Massen) anbandelt und sich mithilfe des ehemaligen Bischofs von Coventry ihres Gatten entledigt. Burkhard Ulrich singt den tuntigen Kirchenfürsten mit klarem Tenor und vorzüglicher Textverständlichkeit. Der Ex-Karlsruher Gideon Poppe und Markus Brück brillieren als immer wiederkehrende Zwischeneinlage (sei es als Rat, Soldat, Wärter oder Tourguide) komödiantischer Natur. Erschreckend dann wiederum, mit welch reinem Knabensopran (Mattis van Hasselt) Edwards gleichnamiger Sohn (und Nachfolger) dem Vater von der grausamen Ermordung seines Geliebten berichtet.

Inwieweit diesem komplexen und anspruchsvollen Werk ein längeres Leben beschieden sein mag, das vermag ich nicht zu sagen. Es wäre ihm aber zu wünschen.

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