Lohengrin / Paris (5.2.2017)

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  • February 6, 2017

In fernem Land, unnahbar euren Schritten…lag einmal Paris, doch dem TGV sei Dank ist man heutzutage in gerade einmal zweieinhalb Stunden in der französischen Kapitale. Ideale Voraussetzungen für meinen Erstbesuch in der Opéra Bastille – ein riesiger, grober Klotz mit allerdings hervorragenden Sichtverhältnissen und bester Akustik, jedenfalls im zweiten Rang. Der riesige Orchestergraben wird ganz ungewohnt nicht von der Bühne teilverdeckt und ermöglicht somit ein beinahe frontales Klangerlebnis.

Dazu passte auch das Dirigat von Philippe Jordan, das den heute so oft gehörten, impressionistischen Zugang wie eines Kent Naganos zum Beispiel, ignoriert und statt dessen auf rhythmische Präzision setzt. Überwältigung statt Verklärung – und so bleiben die geteilten Streicher zu Beginn vielleicht nicht farblos, aber doch eher matt, während die Klimax des Vorspiels einem emotionalen Blitzangriff gleichkommt. Jordan konzentriert sich ganz auf die martialische Theatralik der Partitur und spielt – den ganzen Nachmittag über übrigens – äußerst flott (für Zahlenfetischisten: Die Spielzeiten der drei Akte beliefen sich auf 60, 77 und 58 Minuten – allerdings wurde im dritten Akt der übliche Strich gemacht), sichtbarer Freude und Umsicht. Ein ungewohnt “deutscher” “Lohengrin” – und das ist Paris…..

Die mit der Scala koproduzierte Inszenierung von Claus Guth ist bekannt, allerdings empfand ich sie live weit schlüssiger als im Fernsehen. Genauso wie der Chor der Brabanter diesen Lohengrin beinahe “ausspuckt”, weil er ihn braucht, genauso töten sie ihn am Ende, als er die in sie gesetzte Hoffnung nicht zu erfüllen vermag. Dieser Lohengrin wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch die Politisierung der Massen – und scheitert. Durchaus logisch, denn besonders gruselig empfand ich, dass Guth das Brautgemach an jenen Weiher verpflanzt, an dem Elsa ihren Bruder ermordet haben soll und nun ausgerechnet der Schwanenritter seinen Gegner Telramund im Wasser beinahe abschlachtet. Juristen könnten hier einen Notwehrexzess konstatieren…..

Die Chöre waren trotz szenischer Zurückhaltung – in der Regel singen sie von der dreistöckigen Empore im Hintergrund oder wie beim Brautchor aus dem Off  – sehr präsent. Rafal Siwek gab einen kraftvollen König Heinrich, ebenso wie Egils Silins als Heerrufer – wobei letzterer schon nach wenigen Takten hinterher hinkte und von Jordan klar angezeigt bekam, wer hier das Tempo angibt. Da lichte Paar wirkte auf mich leicht indisponiert, obgleich keine Ankündigung gemacht wurde. Vor allem bei Martina Serafin fiel auf, wie viel Mühe sie sich im Piano geben musste. Die beiden somnambulen   “Arien” (“Einsam in trüben Tagen” bzw. “Euch Lüften, die mein Klagen”) klingen arg angegriffen, spröde. In den lauteren Passagen hörte man eine angenehm timbrierte Stimme, die vielleicht für die Elsa ein wenig zu reif erscheinen mag, aber durchaus zum Sänger Titelpartie passte. Stuart Skelton gefällt mir nach mehreren Wagner-Aufführungen immer mehr, denn einen so kraftvollen Tenor  habe ich schon lange nicht mehr gehört. Die Piani meistert er müheloser als Serafin, allerdings hört man auch hier einige “Kratzer” bei den dynamischen Schwankungen. (Einige Huster im dritten Akt verrieten den gesundheitlichen Zustand und lassen das Gehörte somit eigentlich noch einnehmender wirken.) Und so verdiente sich das “böse” Paar die meisten Lorbeeren, allen voran Michaela Schuster. Dies war nicht ihre erste Ortrud, die ich von ihr hörte, weiß Gott aber die beste. Klar, als Mezzo sind einem bei bestimmten Stellen Grenzen gesetzt (und die sie gut wie klug kaschiert) – aber wie viel Süße und Schmelz sie in die Betörungen ihres Gatten einflechten kann, das ist der pure Wahnsinn. Kein Wunder, dass Thomasz Koniecznys Telramund ihr restlos verfallen ist. Das spezielle Timbre macht ihn für mich immer etwas problematisch, aber in dieser Rolle setzt er Maßstäbe. Ganz ohne Bellen, aber dafür mit subtiler Textgestaltung zeichnet er den vielleicht menschlichsten Protagonisten der vier Hauptpartien.

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