Franco Fagioli-Rossini / Zürich (29.1.2017)

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  • January 30, 2017

Ein irritierter Blick auf den Aushang: “Arien und Instrumentalstücke von Rossini, Donizetti und Verdi”. Dass Fagioli sein aktuelles Rossini-Recital (bzw. Teile daraus) vorstellen würde, das war klar. Deswegen war das Publikum ja auch zahlreich erschienen. Aber Donizetti und Verdi ?

Nun, keine Sorge, Fagioli sang kein Donizetti oder Verdi, aber wenn man sich die Ausbildung und frühe Karriere des Countertenors vor Augen führt, erscheint die Auswahl durchaus logisch, kannte man diese Stimmlage im fernen Argentinien eher vom Hörensagen als vom Hören. Die dortige Musikkultur und seine Ausbildung orientiert(e) sich viel eher an der Theatralik des italienischen Belcanto als an der deutschen oder englischen Sakralmusik. Platt gesprochen: Bellini statt Bach. Und somit ergab die Zusammenstellung der einzelnen Arien und Zwischenstücke durchaus einen Sinn, obgleich der Beginn mit der Barbier- (bzw. Elisabetta-)Ouvertüre nicht wirklich gut gewählt war. Das Orchestra Scintilla benötigte nämlich durchaus eine Weile, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, konnte aber dann mit ungeheuer viel Schmiss und Gespür für die Feinheiten historischer Aufführungspraxis punkten. Ohne penetrantes Vibrato hörte man tatsächlich vieles anders, so zum Beispiel die Naturhörner oder präsenteren Kontrabässe bei der bereits erwähnten Eröffnungsnummer, aber auch der “Alzira”-Ouvertüre.

Franco Fagioli konzentrierte sich auf die geläufigeren Nummern seines aktuellen Albums (“Tancredi”, “Semiramide” und “Donna del lago”), allein die beiden Nummern aus “Demetrio e Polibio” hatten Raritätencharakter. Obwohl – genau genommen handelt es sich nahezu durchgängig um Novitäten. Zwar ist Fagioli nicht der erste Countertenor, der sich Rossini widmet – Max Emmanuel Cencic hatte dies schon vor einiger Zeit getan – aber nach diesem Abend war meine Skepsis, die ich auch beim mehrfachen Hören der CD immer noch hatte, wie weggeblasen. Man fühlte sich fast bemüßigt, zu behaupten, dass man diese Arien eigentlich so und nicht anders singen sollte. Puristen werden korrekterweise anmerken, dass Rossini diese Partien nie für Kastraten, sondern Mezzi konzipiert hatte, aber wenn man nur auf Puristen hören würde, hätte Wagner auch nie einen Tristan-Akkord komponiert….

Gerade bei Rossini hilft es ungemein, dass Fagioli eine extrem kraftvolle Stimme besitzt, die sich gegen ein deutlich größeres Orchester als zum Beispiel bei Händel durchsetzen muss. Man hatte nie den Eindruck, dass Riccardoco Minasi das Orchester zurückfahren musste – und dennoch hatte Fagioli keine Mühe, Kraft mit Agilität zu kombinieren, eine wahrhaft seltene Eigenschaft. Das war für mich das eigentlich Beeindruckende. Die wie auch schon vor sechs Wochen hörbare Höhensicherheit trug freilich ebenso zum Erfolg des Abends bei wie der mittlerweile überaus geschmackvolle Übergang ins Brustregister. Bei geschlossenen Augen konnte man fast meinen, der Zürcher Publikumsliebling Cecilia Bartoli stünde auf der Bühne. Das vielleicht auch deshalb begeisterte Publikum erklatschte sich dann auch zwei Zugaben.

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