Wahnfried / Karlsruhe (28.1.2017)

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  • January 28, 2017

Sie finden Wagner so richtig schlimm ? Wegen Hitler, den Juden und so ?
Oder finden Sie Wagner richtig toll wegen der teutschen Helden, Erlösung, Gesamtkunstwerk, Leitmotiven und wasweißich ?
Oder haben Sie einfach gar keine Ahnung, was Sie von Wagner halten sollen – oder wäre Ihnen Wagner gar ganz und gar egal ?
Egal welcher Fraktion Sie sich zugehörig fühlen – die Welturaufführung von “Wahnfried” hat für jeden etwas zu bieten….

Das Besondere an dem Werk liegt in der Vielschichtigkeit des Librettos von Lutz Hübner und Sarah Nemitz. Zwar kann ein Blick in das informative Programmheft oder die Betrachtung eines Wagner-Stammbaumes vor dem Besuch nicht schaden, aber selbst vergleichsweise Ahnungslose können dem Verlauf  der Handlung gut folgen. Diese schildert den Aufstieg des englischen Rassentheoretikers und Antisemiten Houston Stewart Chamberlain in den Wagner-Clan nach Ableben des “Meisters” Richard. Man muss kein Wagnerianer sein, um Sentenzen wie “Houston, wir haben ein Problem” angesichts des ausbleibenden Nachwuchs des einzigen männlichen Wagnersprosses ebenso goutieren zu können wie Hitlers Weigerung, Fleisch zu essen (“Keine Kreatur soll leiden”). Fortgeschrittene werden sich über Boulez-Anspielungen (Forderung der Sprengung der Opernhäuser des “Wagnerdämons”) oder Parallelen in Liebesdingen von “Fidi”/Lohengrin (“Frag nicht nach meinem Namen”), aber auch direkte Shakespeare- wie Wagnerzitate erfreuen.  Da verzeiht man auch, dass der zweite Akt gelegentlich eher Schlagwörter deutscher Geschichte (Augusterlebnis, Dolchstoßlegende, etc.) abhandelt als konkrete Handlung präsentiert.

Problematischer erschien zu Beginn die Wahl des “Helden”. Chamberlains Geschichte ist mit dem Ende des ersten Aktes eigentlich auserzählt, als seine Heirat mit Eva Wagner seine Stellung manifestiert und die Zerstörung den Meister kompromittierender Schriften (Wesendonck-Tagebuch, Briefe an Cosima) bzw. die einseitige, nationalistisch-antisemitische Ausrichtung des Wagner’schen Oeuvre und folglich der Negation des anarchistisch-linken Elementes der Biographie Wagners (wir erinnern uns: der “Meister” ward in den Revolutionstagen 1848/49 steckbrieflich gesucht) unumkehrbar macht. Chamberlain, so charakterisieren ihn Libretto und Partitur, ist eigentlich ein Hanswurst. Damit überwiegt die Komik, textlich wie musikalisch. Matthias Wohlbrecht liegt die anspruchsvolle Partie des Cahmberlain gut in der Kehle – dass er die Motive seines Charakters nur begrenzt vermittelt, liegt wohl eher am Libretto. Warum will er denn zum Beispiel unbedingt deutsch werden ? Das bleibt im Dunklen. Die Ovationen für Wohlbrecht waren jedenfalls mehr als verdient. Seine erste Frau hat wenig zu singen, gleichwohl beweist Barbara Dobrzanska nach der “Passagierin” erneut, dass sie nicht nur Verdi und Verismo beherrscht. (Warum eigentlich nicht die “Siegfried”-Brünnhilde ?). Im zweiten Akt weitet sich dann das personelle Panorama und wir erhalten tieferen Einblicke in die zerstrittene, dysfunktionale Wagnersippschaft.

Chamberlains zweite Frau (Agnieszka Tomaszewska) hat noch weniger zu singen als die erste. Tonangebend bei den Frauen ist ganz klar Cosima – und Christina Niessens mädchenhaftes Timbre ergibt einen bitterbösen Kontrast zur eiskalten Persönlichkeit ihrer Partie. Einzig Isolde (Irina Simmes mit astreinem Sopran) bietet Paroli – schade, dass man sie so schnell verstößt. In unendlicher Traurigkeit trauert Siegfried Wagner zu Beginn um seinen gestorbenen Geliebten – und plötzlich hört man aus dem Graben ganz andere, zurückhaltende Töne fernab der bisher dominierenden ironischen Klangsprache. Andrew Watts weichem, aber dennoch kräftigem Countertenor, gehört und gelingt die vielleicht eindrücklichste Szene des Abends.

Armin Kolarczyk versprüht als Wagnerdämon – eine Art personifizierte Projektionsfläche für alle Wagner in einer kuriosen Mischung aus Wagner- und Clownkostüm – baritonale Kraft und  kostet die Diabolik der Rolle mit Genuss aus. Gerne mehr gehört hätte man von Konstantin Gorny (Bakunin) und Renatus Meszar als Hermann Levi, dem zu Ehren übrigens der Platz vor dem Theater in einem Festakt vor der Aufführung umbenannt wurde und der hier erst als Toter Chamberlain rhetorisch in die Schranken weist und seinen Antisemitismus argumentativ Stück für Stück zerlegt.

Regisseur Keith Warner lässt die Handlung größtenteils auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses spielen. Diese wird solide, nachvollziehbar und optisch einprägsam erzählt. Besonders das Finale des ersten Aktes mit feuerspeiendem Drache und Hochzeitsmarsch samt Schwan machen Freude. Freude an der Sache schien auch der Chor gehabt zu haben, der mit großem Engagement die Wagnerianer als verführbare Masse darstellt, die nun  wirklich jedem herbei gelaufenem Erlöser hinterher dackeln.

Unbestrittener Held des Abends war jedoch Avner Dorman. Der Komponist hat hier zweifelsohne einen ganz großen Wurf und den Beweis geliefert, dass moderne Musik weder anbiedernd-spät(est)romantisch noch verkopft-abgehoben klingen muss. Den riesigen Orchesterapparat nutzt der junge Amerikaner vielfältig und mit Gespür für die dramaturgischen Situationen. Wagners Musik verwurstet er Gott sei Dank nicht – bis auf die Spieluhrenfassung des Pilgerchores beim Abendessen mit Hitler, dem neuen Erlöser (Eleazar Rodriguez singt den Gefreiten aus Braunau mit fast zu viel Schmelz), bilde ich mir ein, nur kurz einmal das Donnermotiv aus “Rheingold” gehört zu haben, als Kaiser Wilhelm (Jaco Venter) mit Chamberlain über dessen rassentheoretische Schrift philosophiert. Justin Browns Dirigat hat sicherlich viel dazu beigetragen, dass der Abend – endlich mal wieder – ein vollumfänglicher Erfolg für das Badische Staatstheater war. Intendant Peter Spuhler hat hier tatsächlich alles richtig gemacht und sogar den Abend gerettet, indem er Verdi (also der Gewerkschaft, nicht Giuseppe) davon abbringen konnte, die Aufführung durch einen Warnstreik zu desavouieren indem er der Streikführung die Möglichkeit gab, zehn Minuten lang die Forderungen vor versammelten Publikum zu erläutern und somit eine Uraufführung zu retten, die bestimmt nicht in den Archiven enden wird.

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